SUMMER BREEZE OPEN AIR 2012 Bericht und Fotos
von Fauna Flokati
- Datum : 15.08.2012 - 18.08.2012
- Veranstaltungsort : Dinkelsbühl
- Ticketpreis : 79 Euro
- Künstler : Agrypnie, Ahab, Alcest, Amoeba, Amon Amarth, Anaal Nathrakh, Asirius, ASP, Asphyx, Audrey Horne, Before the Dawn, Behemoth, Be’lakor, Bembers, Betontod, Black Sheriff, Black Sun Aeon, Blasmusik Illenschwang, Bleed from Within, Born from pain, Buffet of Fate, Bullet, Cattle Decapitation, Corvus Corax, Crowbar, Darkest Hour, Dark Tranquility, Deathstars, Deez Nuts, Desaster, Devil Train, Dew-Scented, Die Apokalyptischen Reiter, Die Kassierer, Eisregen, Eluveitie, Entrails, Epica, Eskimo Callboy, Every time I die, Excrementory Grindfuckers, Farsot, Ghost Brigade, Gloriro Belli, Goodbye to Gravity, Graveworm, Hatesphere, Heidevolk, Helheim, Iced Earth, Immortal, Incantation, In Solitude, Insomnium, Jasta vs. Windstein, Katatonia, Krisiun, Lacuna Coil, Mambo Kurt, Menhir, Mono Inc., Morgoth, Municipal Waste, Mystic Prophecy, Naglfar, Napalm Death, Negarm, Nifelheim, Night in Gales, Nile, Nitrogods, Norma Jean, Obscure Sphinx, Ohrenfeindt, Oomph!, Paradise Lost, Peter Pan Speedrock, Rage, Roterfeld, Sepultura, Shining, Sick of it all, Six Feet Under, Skies Country Trash, Stier, Subway to Sally, Tankard, Tanzwut, Tasters, Terror, The Foreshadowing, The Rotten, The Unguided, Toxic Holocaust, Unearth, Unleashed, Vallenfyre, We butter the Bread with butter, While She Sleeps, Within Temptation, Without Words

Man mag meinen, eines der größten Metalfestivals Deutschlands, das Summer Breeze, findet auf einer großen Feldfläche beim kleinen Städtchen Dinkelsbühl statt. Das stimmt aber nicht so ganz. Zumindest findet das Festival, das inzwischen im zarten Teenageralter ist und im Jahr 2012 seinen 15. Geburtstag feierte, nicht nur auf dieser besagten großen Feldfläche bei Dinkelsbühl statt. Der Breeze-Besucher landet zwar immer wieder einmal dort, hauptsächlich bestehen die drei Tage, die das Festival andauert, jedoch aus einer großen, aufregenden Reise, die quer durch alle nur erdenklichen Metal-Gegenden und gelegentlich sogar darüber hinaus führt. Dass Gott Metal mag, haben auch schon Autoren wie Dirk Bernemann, Oliver Dreyer oder Sebastian Büttner in ihren Büchern festgestellt. Ein weiterer Beweis dafür wäre das herrliche Sommerwetter, das das gesamte Festival über, das von Mittwoch, dem 15. August bis Samstag, den 18. August dauerte, anhielt. Die einzige verregnete Nacht, diejenige von Mittwoch auf Donnerstag, konnte man gut umgehen, indem man einfach erst Donnerstag Mittag anreiste. Zu meiner Ankunftszeit um etwa 13 Uhr waren von dem Regen kaum mehr Spuren zu sehen, selbst der Matsch war fast getrocknet, und es standen drei trockene und warme Tage bevor.
Summer Breeze Open Air 2012 – Impressionen
Donnerstag, 16. August
15:55 – 16:30 Uhr: AGRYPNIE (Partyzelt)
So spannend ist diese große Feldfläche nicht, und der Metalfan wird kaum zögern, sich von den ersten Bands des Festivals an der Hand nehmen zu lassen, um einen liebevoll gestalteten Einblick in ihre vielfältigen Welten zu erhaschen. Das erste Reiseziel war dann auch bereits am frühen Nachmittag das Land der Schlaflosigkeit, regiert von Torsten Hirsch und seiner Band Agrypnie. Leider ließ die Ankunftshektik den Auftritt der Band ein wenig untergehen, wobei sich die Band, abgesehen von diesem sehr subjektiven Problem, mit ihrem wunderschön melodischen, doomigen Klang, auf den eine nähere Genrebezeichnung einfach nicht passen will, in Topform präsentierte. Weder an der Partyzeltkulisse noch am Sonnenschein des Nachmittags störten sich die Musiker und führten das Publikum zielgerichtet in ihre atmosphärischen, getragenen, doch dynamischen und eingängigen Landschaften. Dementsprechend würdigten die Reisenden ihre Gastgeber mit exzellenter Stimmung und kehrten sichtlich ungerne in die Realität des Partyzeltes zurück.
16:35 – 17:25 EPICA (Mainstage)
Doch durchstreift man ein Festival, weiß man auch, dass nach einer tollen Reise auch schon die Nächste bevorsteht, und so hörte man aus der Ferne der Mainstage erhabene Klänge, sah die Symphonic Metaller von Epica vorbeifliegen und hängte sich sogleich an ihre ausgebreiteten Flügel, um einen Ausflug in ihren klassischen, sonnendurchfluteten Musik-Himmel zu machen. Dort begrüßten den Reisenden gewaltige und strahlende Metal-Klänge voller wunderschöner Melodien und eine sympathische und gut gelaunte Simone Simons, die nicht nur durch ihren professionellen Gesang, sondern auch durch ihre herzlichen Ansagen glänzte. So versprach sie, auch die nächsten 20 bis 30 Jahre viel zu reisen und wenig zu schlafen und entließ das Publikum nach einer knappen Stunde mit dem äußerst kollegialen Hinweis auf all die anderen großartigen Bands, denen das Publikum im Laufe der nächsten drei Tage begegnen sollte.
Summer Breeze Open Air 2012 – Epica
17:50 – 18:30 ALCEST (Partyzelt)
Eine ganz besonders zauberhafte, traumartige Gegend ist die Alcest-Welt, in die sich die Breeze-Gemeinschaft im Partyzelt zum Träumen zurückziehen konnte. Leider hatte die Band durchweg mit einem ziemlich schlechten Sound zu kämpfen, und man hatte Schwierigkeiten, den Frontmann mit dem äußerst stimmungsvolles Pseudonym Neige überhaupt zu hören, was den Auftritt leider ein wenig langatmig machte. Die distanzierte und nachdenkliche, und deshalb sehr authentische Bühnenpräsenz der Band wurde der atmosphärischen genrelosen Musik völlig gerecht, doch richtig verlieren konnte man sich aus technischen Gründen leider nicht so, wie es die Musik in aufgenommener Form möglich macht.
Summer Breeze Open Air 2012 – Alcest
18:20 – 19:20 ICED EARTH (Main Stage)
Schwebte man dann, trotz schlechter Technik, noch ganz verträumt Richtung Mainstage, landete man ehe man sich versah auf einer Parallelerde, die zwar angeblich vereist sein sollte, aber wer weiß, was man auf so einer Parallelerde unter Eis versteht. Repräsentanten dieses Reiseziels waren diesmal die amerikanischen Power-Metaller von Iced Earth, die in ihrem hellen Jeans-Look, der guten Laune und der Sonne im Rücken sehr viel lebhafter, weniger dramatisch als auf CD und keineswegs unterkühlt klangen. Der große Unterschied zur Stimmung, die die Musik von Iced Earth auf CD erzeugt, verwunderte mich zwar, soll an dieser Stelle aber keine Wertung sein, denn genießt man auf CD ehrfürchtig den majestätischen Sound der Band, wollte man hier einfach mit der Band feiern, bangen und Spaß haben.
Summer Breeze Open Air 2012 – Iced Earth
20:30 – 21:30 BEHEMOTH (Main Stage)
Ein bißchen Farbe und Lebhaftigkeit konnte diesem ersten Festivaltag jedoch ohnehin keineswegs schaden, sollte der Reisende doch nur wenig später in richtig finstere Gegenden hinab geführt werden. Black Metal vom Feinsten hatten die polnischen Behemoth zu bieten, und die dunkle Bühnenshow mit ihren Flammen und brennenden umgedrehten Kreuzen untermalte das genretypische schnelle Gedresche, das jedoch immer wieder von charismatischen Melodiesequenzen unterbrochen wurde, die der dunklen Talfahrt eine freundlichere Note verliehen . Mit dem Auftritt an sich hatte die Band aufgrund der düsteren Bühnenshow sicherlich die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich gelenkt, die womöglich gar nicht geplant hatten, sich der Reise anzuschließen (so wie ich zum Beispiel). Der Sänger Nergal, gerade von einer schweren Krebserkrankung genesen und seit kurzem wieder auf der Bühne, sorgte außerdem für das Zitat des Wochenendes: “It’s fucking great to be alive”.
Summer Breeze Open Air 2012 – Behemoth
21:35 – 22:35 ELUVEITIE (Pain Stage)
Es ist schon erstaunlich, wie weit man als Summer Breeze- Besucher herum kommt. Nach Höhenflügen durch Symphonie-Himmel, Schwebezuständen in alcest’schen Traumwelten und einem Abstecher mitten in die Hölle muss man schon aufpassen, dass einem bei all den Höhen- und Tempowechseln nicht übel wird. Ist man des Reisens dennoch noch nicht müde, sollte man dringend die Reiseart wechseln und auf Zeitreisen umsteigen. So war das nächste Vorhaben ein Trip mitten in die antike Schweiz zu den alten Helvetiern. Reiseführer waren diesmal Eluveitie mit ihrem multiinstrumentalen Pagan-Metal, durch den sich inhaltlich die Kultur der Helvetier und der gallische Krieg ziehen. Obwohl der vielfältige Sound dieser Band anfangs anstrengend sein kann und seine Zeit zur Eingewöhnung braucht, hatten sich anscheinend genügend Menschen versammelt, die bereits Fans der Band waren, denn die Stimmung war exzellent und ausgelassen. Sie stieg jedoch noch einmal, als Eluveitie nach dem ersten Drittel des Konzertes, das von neuen Stücken geprägt war, alte Kracher wie “Inis Mona” auspackten und die Menge noch heftiger zur Partizipation aufforderten. Das Publikum gehorchte mit Freude, und so ging auch diese historische Zeitreise schneller vorbei als man schauen konnte.
0:00 – 01:00 DEATHSTARS (Pain Stage)
Aber eigentlich ist eine Stunde Geschichte genug für ein Metal-Festival, und zu so später Stunde hat man ohnehin wieder eher das Bedürfnis nach leichteren Spazierfahrten durch Gegenden, in denen es im Idealfall auch etwas hübsches zu sehen gibt. Wie gut vor allem für die weiblichen Festivalbesucherinnen, dass gerade jetzt ein Ausflug auf einen anderen Stern begann, der zwar durch seinen dunklen Namen, Stern des Todes, Fürchterliches erahnen lässt, jedoch lediglich fünf äußerst attraktive weiß geschminkte Herren beheimatet, die den Augen einer jeden Frau mit etwas ausgefallenerem Geschmack durchaus schmeicheln sollten. Mittelpunkt dieses exotischen Sterns ist Frontmann Whiplasher Bernadotte mit seinem speziellen Charisma, das vor allem seine witzige Arroganz, die sich in einem noch sympathischen Rahmen bewegt, ausmacht. So befolgte man recht amüsiert seine Aufforderungen, sich vor ihm zu verneigen, und genoss den melodiösen Industrial-Metal der schwedischen Deathstars, die aus ihrem Glam-Image allmählich herauswachsen und doch noch überdeutlich ihre Verwurzelung darin präsentierten. Der starke Synthie-Einsatz weiß zwar herrlich gruselige Melodiesequenzen zu erzeugen, macht die Musik der Deathstars aber auch besonders eingängig und spielt eine mindestens genauso entscheidende Rolle wie die groovy Gitarrenklänge, sodass sich mir noch immer die Frage stellt, warum sich die Deathstars nicht endlich einen Live-Keyboarder anschaffen.
Aber im Prinzip sollen sie machen, wie sie wollen. Dem erschöpfen Metalfan hat die glamouröse Glam-Truppe jedenfalls nochmal eine richtig fetzige Gegend gezeigt. Man kam also nach längerer Zeit mal wieder auf der Feldlandschaft bei Dinkelsbühl an und sah, dass sich in der Zwischenzeit ein dichter Nebel über das Festivalgelände gelegt hatte, der niemanden ahnen ließ, dass am nächsten Tag die Sonne großzügig, vielleicht sogar etwas zu großzügig, auf die Besucher hinab scheinen würde.
Summer Breeze Open Air 2012 – Deathstars
Freitag, 17. August
Selbst der Morgen begann noch angenehm bewölkt bei einer leichten Brise, doch zur Mittagszeit zeigte der Hochsommer, was in ihm steckt. Den größten Umsatz aller Merchstände machten an diesem Wochenende wohl diejenigen, die irgendeine Art von Kopfbedeckung anboten, vor allem Strohhüte, und die Anzahl der Hutträger stieg im Laufe des Festivals stetig an. Besonders beliebt waren breite Cowboyhüte, die an den Seiten an das Kopfteil geknöpft waren (man verzeihe mir, wenn es sich nicht um Cowboyhüte handelte, im Bereich der Kopfbedeckungen halten sich meine Fachkenntnisse in Grenzen).
15:15 – 16:00 Uhr MONO INC. (Pain Stage)
Mitten in der Nachmittagshitze luden eine Truppe von Grufti-Cousins die Metal-Szene zu einem Tanz durch elektronisches Goth Rock Terrain ein. Hier durfte mit musikalischen Konventionen gebrochen werden, und so war dies nicht nur die wohl elektronischste Dreiviertelstunde des gesamten Tages, in der garantiert auch der trueste Metaller lieber die Hüften statt der Haare geschwungen hatte, nein, Sänger Martin Engler hatte auch noch einen Bildungsauftrag in der Tasche und präsentierte dem Metalvolk eine Akustikgitarre, auf der er das beliebte und bandtypische Iggy Pop – Cover “The Passenger” in reger Interaktion mit dem Publikum zum Besten gab. Auch die obligatorische Mono Inc. TV-Folge, diesmal Nummer 137, wurde gedreht, und so eine auf der Bühne platzierte Kamera, die ins Publikum zeigt, kann tausende Metaller schon mal dazu bringen, begeistert “La la la” zu singen. Eine beachtliche Leistung bringt übrigens die Schlagzeugerin der Band Katha Mia dar, indem sie gleichzeitig den Takt hält und absolut professionelle Gesangskünste an den Tag legt. Zum Ende des Trips lud die Band ihre Anhänger für einige gemeinsame Momente in den Graben an der Bühne, und tatsächlich erschien die Truppe unmittelbar im Anschluss an das Konzert, um dem anwesenden Publikum geduldig und freundlich Autogramme zu geben.
Summer Breeze Open Air 2012 – Mono Inc.
17:10 – 18:00 NILE (Pain Stage)
Räumen musste sie den Graben spätestens dann, als die amerikanische Band Nile die Bühne benötigte, um die Breeze-Gemeinschaft auf eine Reise Richtung Ägypten zu begleiten. Den ägyptischen Einschlag ihrer Musiker hörte man zwar live leider kaum heraus, dennoch boten die Musiker schnellen, fetzigen Death Metal, der außergewöhnlich eingängig war und besonders mit der sympathischen Publikumsinteraktion viel Spaß machte. So growlte der Sänger Karl Sanders extra-böse Ansagen in die Menge und forderte von dieser ihre “Death Metal Voice” und musste zwischendurch sogar selber lachen. Die positive, lebhafte Nachtmittagsstimmung, die Mono Inc. aufgebaut hatten, erhielt die sonnige, aber metallisch fetzende Ägypten-Reise der Amerikaner perfekt aufrecht.
Wollte man sich übrigens etwas vom Reisen erholen und eine Zeit lang auf dem Festivalgelände verbleiben, um sich zu stärken und neue Kraft zu tanken, hatte man die Auswahl aus einem breiten Angebot verschiedenster Speisen und Getränke. Die meisten von ihnen schienen qualitativ hochwertig zu sein, zumindest habe ich, bis auf eine Erfahrung mit zusammengemischten Instant-Cocktails, die nach “Cola mit Schnaps und Zucker” schmeckten, keine negative Kritik gehört und konnte auch selbst einige Sachen probieren, die ich alle sehr lecker fand, von den Crêpes über die mexikanischen Wraps bis hin zum wunderbaren Kirschmet war ich ziemlich zufrieden und als Münchner wundern einen auch Festivalpreise nicht.
Summer Breeze Open Air 2012 – Nile
21:35 – 22:35 DARK TRANQUILLITY (Pain Stage)
Freitag Abend sollte dann zunächst fast schon zeremoniell und ehrwürdig beginnen, denn die majestätischen Schweden von Dark Tranquillity gewährtem dem Publikum Eintritt in ihr erhabenes Melodic-Death-Königreich. Bescheiden und würdevoll und dabei auch noch unglaublich sympathisch spielte die Band eine getragene, gewaltige Metal-Macht nach der anderen, jeder Banger, der gerne mal etwas langsamer und mit ganzem Körper bangt, sollte hier wohl auf seine Kosten gekommen sein. Zwar hielt sich die Interaktion mit dem Publikum, wie bei Bands, die getragen-düstere Metalstile spielen eigentlich nicht ungewöhnlich ist, in Grenzen, doch durch ihre Wahnsinns-Bühnenpräsenz wirkten die Schweden tatsächlich wie Könige, die imstande waren, mit ihren wuchtigen Stücken ein ganzes Festivalvolk zu regieren. Fast schon ehrerbietig huldigte das Publikum der Band durch wiederholtes Rufen des Bandnamens, und für mich persönlich war der Abschied von dieser Band mit der schwierigste des Festivalwochenendes.
22:40 – 23:55 Uhr IMMORTAL (Main Stage)
Was natürlich nicht heißt, dass die große Summer Breeze – Reise nicht weiterhin äußerst ereignisreich und aufregend verlief und den reisenden Metalfan durch unterschiedlichste Gefilde führte. So ging es nun hinaus aus dem ehrwürdigen Königreich der dunklen Stille wieder einmal hinab in die tiefsten Tiefen der Hölle, wo den Reisenden die legendäre Band Immortal mit ihrer ganz eigenen Ästhetik erwartete. Bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, kann man noch nicht mal mehr sagen, dass sich die Musiker im Corpse Paint präsentieren (die Leiche, die so aussieht, will ich sehen) und hier stand ganz die Inszenierung der Musik im Vordergrund. Man könnte sich fragen, wie sehr sich die Wahrnehmung der Musik unterscheiden würde, wenn man nicht die dämonenhafte Bühnenpräsenz mit Feuer, Fratzenziehen und Ansagen in ultrabösem Krächtz-Ton vor Augen und Ohren hätte, denn rein musikalisch macht Immortal eigentlich richtig Spaß: tolle kreischende Retro-Gitarren legen sich hier mit groovy Melodien über das Black Metal – artige Eingedresche, eine Mischung, die selbst Metalfans gefallen sollte, die mit der Bühneninszenierung der Band nichts anfangen können.
Summer Breeze Open Air 2012 – Immortal
1:15 – 2:00 Uhr EISREGEN (Partyzelt)
Nach einer solchen optischen Reizüberflutung ist man als Metalwelten-Wanderer ja schon irgendwie etwas geplättet. Eine kurze Pause und im Anschluss ein eher klangorientiertes neues Gebiet kommen da gerade richtig, und so freute man sich aufrichtig, mit offenen Armen und absolut aufgeschlossen im aufregenden Areal der Alliterationen aufgenommen zu werden. Bewohner dieses überaus literarisch, aber auch morbid anmutenden Landes waren Eisregen, die Band mit der besonderen Vorliebe für Leichen und Blut. Roh und unverkleidet spielten die Thüringer ein beachtlich hitverdächtiges Set dafür, dass sie nur ihre nicht-indizierten Songs spielen dürfen. Man hörte also starke Songs wie “Scharlachrotes Kleid” und “Eisenkreuzkrieger” und stellte einmal wieder, oder auch zum ersten Mal, jedenfalls stellte man fest: Es sind gar nicht unbedingt die skandalträchtigen Leichen-Lieder, die Eisregen ausmachen. So feierte das Publikum auch zu so später Stunde und trotz anfangs viel zu basslastigem Sound die Thüringer Band, wirklich zufrieden zeigte sich Frontmann Michael Roth mit der Reaktion des Publikums jedoch erst, als zum letzten Song “Elektrohexe” eine große Metal-Party stieg.
Summer Breeze Open Air 2012 – Eisregen
3:20 – 4:00 Uhr AHAB (Partyzelt)
Nur die letzten Überlebenden des zweiten Festivaltages kamen dann noch in den Genuss der letzten Reise: Hatten Immortal für einen Trip in die Tiefen der feurigen, lodernden Hölle gesorgt, nahmen Ahab ihre Gefährten mit hinab in Tiefen ganz anderer Art, nämlich in absolut lichtlose, schwere Untiefen eines schwarzen Doom-Ozeans. Überraschenderweise waren es doch sehr viele, die noch wach und nüchtern genug waren, um mit Ahab diesen langsamen Marsch durch das drückende Gewässer zu bestreiten. Und so klangen sie aus, die tiefen Gitarrenriffs, und so wählte der Schlagzeuger einen extra langsamen Rhythmus und so verfolgten die anwesenden Zuschauer dieses Funeral Doom Konzert mit schwerfälligen Haarmähnenbewegungen und alle schienen sich tatsächlich zu verlieren in dieser musikalischen Schwere, die Ahab mit ihrer Musik, die thematisch tatsächlich im Bereich der Nautik angesiedelt ist, erzeugten. Trotz oder gerade wegen der genretypischen Distanz und einer fast vollständigen Abwesenheit von Publikumsinteraktion verfügte die Band über eine immense Wirkung und verströmte eine unheimlich gewaltige Atmosphäre.
Doch auf einem Metal Festival taucht man selbst aus dem tiefsten Meer wieder auf an die Oberfläche, die in diesem Fall aus einem noch recht aktiven Zeltplatzgewusel, betrunkenen Metallern auf “Flirtkurs” (“Alter, bist du ne Tussi? Ich brauch noch was zum f*****”) und einigen ersten Alkoholleichen bestand. Aber irgendwann war man dann auch im Zelt angekommen und konnte sich getrost auf den dritten Teil der großen Summer Breeze Reise freuen.
Summer Breeze Open Air 2012 – Ahab
Samstag, 18. August
17:10 – 18:00 Uhr LACUNA COIL (Pain Stage)
Dieser begann mit einer luftigen, flotten Spritztour, die selbst bei gut gemeinten, aber drückenden 30 Grad noch erfrischend war. Verantwortlich waren dafür zu einem die freundlichen Securitys aus dem Graben, die die Menge mit einem Wasserschlauch abspritzten, zum anderen die italienische Band Lacuna Coil mit ihrem melodischen Alternative Metal und ihren leicht gruftig angehauchten Songs, die sofort im Ohr hängen blieben und zum Mitsingen einluden. Und ersetzt man das Sightseeing gewöhnlicher Reisen auf einem Festival durch Musicianseeing, so erreichte der große Summer Breeze Trip hier nun seinen Höhepunkt, denn die Sängerin Cristina Scabbia interagierte, wie auch ihre Bandmitglieder, nicht nur rege und auf sehr offene, sympathische Art mit dem Publikum, sondern ist einfach auch eine unglaublich hübsche Frau. “Give Me Something More” versah sie mit der Aufforderung, seine Träume nie aufzugeben, der größte Hit der Band, “Heaven’s A Lie”, wurde lautstark mitgesungen und als Cristina kurz einen bekannten Song von Lady Gaga anstimmte, hatte sie nicht nur die Lacher auf ihrer Seite, sondern musste auch selber über ihren Witz lachen, was sie umso sympathischer machte. Voller Lacuna Coil-Songs im Ohr landete man am Ende dieser Spritztour, an dem die Ankündigung einer Tour im Herbst stand und war nun erfrischt genug, um sich wieder in Landschaften zu begeben, die deutlich dunkler und heftiger waren.
Summer Breeze Open Air 2012 – Lacuna Coil
18:05 – 19:05 Uhr PARADISE LOST (Main Stage)
So führte der nächste Weg in ein verlorenes Paradies, was natürlich zunächst trostlos und traurig klingt, aber eigentlich eine zwar düstere und schwere, aber wunderschöne Gegend ist, die auch ihre lichtdurchfluteten Gebiete hat und in der man nur an der Hand genommen und geführt werden muss, um sich dort zurecht zu finden. Diese Aufgabe übernahmen Nick Holmes und seine Mitstreiter von Paradise Lost sehr zuverlässig und leidenschaftlich und zogen das Publikum durch die schönsten Ecken ihres Reiches. So begann das Set mit einigen sehr flotten und eingängigen, fast schon tanzbaren Songs, die geradezu gute Laune verströmten, und wechselte dann zu einigen getragenen Doom-Stücken, die sich schwer und atmosphärisch über die Menge legten. Dieser Wechsel wurde konsequent beibehalten, insgesamt war dies von allen besuchten Metal-Ländern wohl eines der vielfältigsten. Die Performance der Protagonisten hat zwar das Image, distanziert und unnahbar zu sein, tatsächlich war sie jedoch so, wie man es von den meisten Bands aus dem Bereich Doom kennt: Hier ging es eben nicht vorrangig um Unterhaltung, sondern darum, sich in seinen eigenen Songs zu verlieren, und das Publikum erhielt zwar einen intimen Einblick in das bandeigene Reich, verschmelzen konnte man jedoch viel eher auf musikalische Art mit den packenden Songs als mit den Menschen auf der Bühne.
Summer Breeze Open Air 2012 – Paradise Lost
19:10 – 20:10 Uhr OOMPH! (Pain Stage)
Wer mehr Interaktion und Unterhaltung mag, sollte sich auch nicht von Doom Bands mitnehmen lassen, sondern eher an Deck gehen, wenn Bands wie Oomph! zu einer lustigen Schifffahrt aufrufen. In Matrosenuniformen gekleidet betraten sie die mit Schiffutensilien wie Rettungsringen dekorierte Bühne. Man wusste zwar nicht wirklich, warum sie sich für diese Art der Inszenierung entschieden hatten und auch mochte das Make-Up des Frontmannes Dero, das doch eher an einen Clown erinnerte, nicht so ganz dazu passen, aber gut- für eine Schiffsreise muss es ja nicht immer zwingend einen Grund geben. Die Band, die ehemals die Neue Deutsche Härte mitbegründet hatte, präsentierte eine ausgewogene Mischung aus neuem und altem Songmaterial, mit der sie jüngere Fans sowie Hörern der ersten Stunde ihre besonderen Momente geboten haben sollte, doch wurde bei Oomph! wie bei kaum einer anderen Band der Härteverlust der neueren Songs deutlich. Die Bühnenpräsenz der Band hat sicherlich für gespaltene Meinungen gesorgt, so waren die Inhalte von Deros meistens recht langen Ansagen nicht immer die einfallsreichsten, doch teils auch sehr humorvoll, was vor allem dann sympathisch war, als er sich über seinen eigenen Song “Augen Auf!” lustig machte, indem er verkündete, er hätte ihn für die PISA-Studie geschrieben, um die Leute bei ihrer mathematischen Schwäche zu unterstützen und mit ihnen das Zählen zu üben. Oomph! hatten außerdem anscheinend ihren großzügigen Tag, so ging eine Widmung nach der anderen raus (etwa “Sandmann” für Angela Merkel und “Gott ist ein Popstar” für Britney Spears), und nachdem die Band auch noch, passend zur Bühnen-Deko, ein Seemanns-Schunkellied zum Besten gegeben hatte, bei dem das Publikum rege mitschunkelte, endete diese härtemäßig sehr unbeständige Fahrt.
21:35 – 22:35 Uhr ASP (Pain Stage)
Mit Einbruch der Dunkelheit erschien ein hübscher schwarzer Schmetterling am Himmel der Painstage, der den Metalfan in eine fremde Grufti-Welt entführen sollte. Man weiß als treuer Metalanhänger nicht so recht, was man mit all der schwarzen Schminke und der elektronischen Musik anfangen soll und ist, sofern man noch nie hier war, recht skeptisch, wobei hier alles schon irgendwie etwas Schönes hat. Spätestens jedoch, wenn sich der schwarze Gothic-Fürst auf der Bühne als obercoole Rampensau entpuppt hat, die mit schlagfertiger Publikumsinteraktion und vielen Witzen durch das Konzert führt, fühlt man sich wie ein gut aufgehobener Gast im dunklen Land des schwarzen Schmetterlings und merkt, dass auch elektronische Musik irgendwie ganz cool sein kann. Zudem gaben sich zahlreiche Festivalbesucher, wie ja auch schon am Vortag bei Mono Inc., als der schwarzen Szene gegenüber affin zu erkennen, indem sie das Tanzbein schwangen und begeistert Songs wie “Werben”, “Ich Bin Ein Wahrer Satan” und natürlich das allseits bekannte “Ich Will Brennen” mitsangen. Auf und vor der Bühne herrschte ausgelassene Stimmung, es wurden halb-gehässige Witze über Szene-Kollegen gerissen und die Reisenden wurden mit Feuer und Kunstschnee entzückt, bevor der Schmetterling die begeisterte Menge wieder auf dem Festivalgelände absetzte, damit sie rechtzeitig zu den Wikingern aufbrechen konnte.
Summer Breeze Open Air 2012 – ASP
22:40 – 23:55 Uhr AMON AMARTH (Main Stage)
Denn führte die historische Reise des Vortages unter der Führung von Eluveitie noch zu den Helvetiern, nahmen nun auf der zweiten Festival-Zeitreise Amon Amarth das Publikum mit zu den Wikingern in den Norden. Vor allem der Sänger Johan Hegg erinnert optisch authentischer Weise an einen solchen germanischen Seekrieger. Kaum ein Zuschauer, so schien es, wollte auf diesen aufregenden Geschichtstrip verzichten, und so versammelte sich die nun wahrscheinlich größte Menschentraube des gesamten Festivals um die Mainstage, um zu den brachialen, doch melodiösen Death Metal Gitarren-Gewittern zu bangen und die dazu passenden Feuer- und Feuerwerkseffekte zu bestaunen. Kannte man die Livepräsenz der Band noch nicht, war man sicherlich überrascht von ihrem bodenständigen Auftreten, denn so furchteinflößend Johan Hegg auch growlen kann, so sympathisch spricht er zwischen den Songs zum Publikum. So lobte er nicht nur mehrmals die rege Partizipation der Menschen und tat seine Freude darüber Kund, die große Amon Amarth Tour ausgerechnet als Headliner auf dem Summer Breeze zu beenden, sondern stellte auch seine komplette Crew namentlich vor und verabschiedete denjenigen von ihnen, der die Band an diesem Tag verließ, indem er ihn auf die Bühne holte, ihm öffentlich seinen Dank aussprach und tausende begeisterte Metalfans dazu aufforderte, für ihn zu applaudieren.
Summer Breeze Open Air 2012 – Amon Amarth
0:00 – 01:00 Uhr KATATONIA (Pain Stage)
War man nun zurückgekehrt, brauchte man erstmal Zeit um tief durchzuatmen, seine durchgebangten Hirnregionen wieder an die richtige Stelle zu bringen und runterzukommen. Beste Möglichkeit dazu war die letzte große Reise des diesjährigen Festivals, ein ruhiger Streifzug zu Pferde, der durch die verworrenen Strukturen und nachdenklichen Gefilde Katatonias führte. Selten gibt es Bands, deren Songs so verschiedenartig aufgebaut sind, die so viele unterschiedliche Abschnitte, so viele Tempowechsel haben. Headbangen oder sonst irgendwie körperlich auf die Songs reagieren wird einem hier zwar ziemlich schwer gemacht, wenn man die Stücke nicht kennt, aber das Beste ist bei Katatonia ohnehin, einfach nur die Augen zu schließen und sich ruhig den wunderschönen, tragischen Melodien und dem klaren Gesang des Sängers Jonas Renkse hinzugeben, der übrigens für den Frontmann einer Doom-Band recht redselig war und bescheiden und sympathisch in einer einzigen Stunde so oft “I hope you like it” sagte, dass dies vermutlich allein durch dieses eine Konzert der meistausgesprochene Satz des ganzes Festivals wurde.
Summer Breeze Open Air 2012 – Katatonia
Püntklich um 1 Uhr setzte das katatonische Ross den Reisenden wieder bei Dinkelsbühl ab und beglückt aber etwas wehmütig stellte dieser fest: Die nächste Reise würde weder mit Rossen, noch mit schwarzen Schmetterlingen oder Schiffen vonstatten gehen, sondern mit einem gewöhnlichen zivilisierten Auto, und würde weder in Traumwelten noch auf andere Sterne oder die Vergangenheit, sondern zurück nach Hause führen. Ein bißchen entzaubert fühlt man sich zwar schon, wenn man nach so einem Wochenende nach Hause kommt, aber hey: Da gibt’s Badewannen! Und in einem Jahr, wenn das Summer Breeze das Alter der Ausweispflicht erreicht hat, werden wieder, wie dieses Jahr, zahlreiche Bands tausende von Metalfans mit offenen Armen in ihren klangintensiven Welten begrüßen. Angesichts der Tatsache, dass sich offensichtlich alle Bands, deren Länder ich durchreist habe, größtmögliche Mühe gegeben haben und es stark anzunehmen ist, dass auch all die restlichen Bands dies getan haben, kann man sich auf das nächste Summer Breeze jetzt schon freuen.











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