PETER HEPPNER

von Fauna Flokati

  • Datum : 14. 05. 2012
Peter Heppner - My Heart Of Stone

PETER HEPPNER (© )

Einst schenkte Peter Heppner der legendären Band Wolfsheim seine einzigartige Stimme und weckt seit Jahren durch hochkarätige Kollaborationen mit Künstlern aus unterschiedlichsten musikalischen Landschaften immer wieder das Interesse der musikbegeisterten Öffentlichkeit. Im Jahr 2008 beschloss Peter dann, sein Talent auch als Solokünstler unter Beweis zu stellen und veröffentlichte sein Album “solo”, auf dem der Ausnahmesänger authentischen melancholischen Electro-Pop wie man ihn von ihm kennt und liebt darbot, ohne seine Arbeit aus anderen Projekten zu kopieren. Nun präsentiert Peter Heppner sein zweites Soloalbum “My Heart Of Stone”. Zum Anlass der Veröffentlichung erhielt NecroWeb die Gelegenheit, ein Telefongespräch mit Peter zu führen, in dem er uns nicht nur viel über seine neuen Songs und seine musikalische Arbeitsweise, sondern auch über seine generelle Einstellung zu Phänomenen wie dem Wertverlust in der Musikbranche oder dem vor allem in alternativen Szenen oft negativ konnotierten Begriff der Popmusik erzählte.

NecroWeb: Dein neues Album heißt “My Heart Of Stone”, und wahrscheinlich hast du die Frage jetzt schon tausend Mal beantwortet, aber ein Albumtitel ist ja immer so eine Art Zusammenfassung für den Inhalt eines Albums, und deshalb möchte ich dir jetzt auch wieder die Frage stellen, warum du diesen Titel denn gewählt hast. Repräsentiert er das Album?

Peter Heppner: Ich hatte mehrere Ideen für den Titel, unter anderem eben auch “My Heart Of Stone”, und ich fand den ziemlich klasse, ich kann dir garnicht so genau sagen, warum, aber je länger ich drüber nachgedacht habe, um so besser fand ich ihn auch. Die Produktion stand für mich auch irgendwie unter dem Motto dieses Titels. Es war für mich sehr interessant zu sehen, ob es sich noch so anfühlt wie früher oder ob sich da etwas verändert hat, und deshalb ist der Titel für mich schon eine sehr gute Zusammenfassung des Albums.

 

NecroWeb: Wobei das “Herz aus Stein” ja eigentlich impliziert, dass man nichts mehr fühlt, oder?

Peter Heppner: Ja, aber das heißt nicht, dass ich das nicht trotzdem so nennen kann. Nur weil ich etwas für mich herausgefunden habe, heißt das ja nicht, dass es allen anderen Leuten auch so geht. Andere Leute können da auch Dinge über sich herausfinden. Vielleicht kann man es auch eher als Frage an den Hörer verstehen: Wie versteinert ist dein Herz? Wie sehr kannst du noch fühlen?

NecroWeb: Würdest du das Album einem bestimmten Genre zuordnen?

Peter Heppner: Pop. Ich würde es einfach nur Popmusik nennen. Das habe ich aber über alles, was ich davor schon gemacht habe, auch immer gesagt. Ich sage schon immer, dass ich Popmusik mache.

 

NecroWeb: Du hast beim Songwriting mit deinen beiden Keyboardern zusammengearbeitet. Ich würde gerne wissen, wie eure Arbeitsweise war, also sind die Songs beim gemeinsamen Musizieren entstanden, oder hat jeder seine eigenen Sachen geschrieben, und ihr habt sie dann zusammengetragen?

Peter Heppner: Nee, das eher nicht. Wir haben uns getroffen, zuerst in einem Proberaum, den wir sowieso für Bandproben gemietet hatten, und wir haben uns gedacht, wir können ihn ein paar Wochen vorher mieten und schon mal anfangen, dort Musik zu machen. Und dann war das wirklich so, dass wir den ganzen Tag da zusammen saßen und geschrieben haben. Aber einmal haben wir auch in meinem Studio eine Session gemacht, da haben die Jungs auch mal für sich gearbeitet, was aber auch ganz gut war, dass die noch etwas Zeit für sich hatten. Ich bin dann immer in regelmäßigen Abständen dazugekommen und hab mir angehört, was sie so gemacht haben, habe Kommentare abgegeben oder mal meine Melodien dazugegeben.

 

NecroWeb: Also wolltest du, dass sie auch ihre eigenen Ideen entwickeln?

Peter Heppner: Ja klar, ich arbeite ja nicht mit Leuten zusammen, um ihnen jeden Ton vorzugeben. Wenn ich mit jemandem zusammen arbeite, muss er die Möglichkeit haben, sich auch zu verwirklichen, das fordere ich ja auch, wenn ich mit jemandem zusammen arbeite. Ich bin ja keine Singdrossel, die man fürs Studio mieten kann, ich fordere schon, dass ich auch meinen Job machen kann. Sonst ist es keine wirkliche Zusammenarbeit, und dann fühle ich mich auch nicht richtig wohl.

 

NecroWeb: Arbeitest du generell gerne mit Leuten zusammen?

Peter Heppner: Na klar! Außer wenn es um die Texte und um die Gesangsarbeit geht, die muss ich schon alleine machen.

 

NecroWeb: Deine Texte sind manchmal auf Deutsch und manchmal auf Englisch verfasst. Wonach entscheidest du das, ob du einem Stück einen deutschen oder einen englischen Text verleihst?

Peter Heppner: Das ist eine gute Frage, die ich dir aber leider auch gar nicht so richtig beantworten kann. Ich fange eigentlich immer mit der Musik an, und wenn ich dann ein Instrumentalstück habe, beginne ich, Gesangsmelodien zu komponieren und Gesangslinien zu entwickeln, und dabei fallen mir auch schon die ersten Textgeschichten ein, und die sind dann eben deutsch oder englisch, je nachdem, was ich gerade passender und stärker finde, das ist ein ganz natürlicher Prozess.

 

NecroWeb: Du machst ja jetzt schon sehr lange Musik. Findest du, dass man sich als Musiker trotz der vielen Erfahrungsjahre immer noch mit jedem Werk weiterentwickelt?

Peter Heppner: Also das will ich hoffen, dass es mir gelingt, mich von Werk zu Werk weiterzuentwickeln, ich selber habe auch das Gefühl, dass ich das tue. Nur ob andere das eben auch mitkriegen, das ist immer sehr spannend!

 

NecroWeb: Auf dem Stück “Deserve To Be Alone” singst du gemeinsam mit einer Frau. Wer ist das denn?

Peter Heppner: Das ist Kim Sanders, die sehr oft bei Schiller gesungen hat und auch Soloplatten rausgebracht hat. Sie ist eine richtig tolle Sängerin und Songwriterin. Ende des Jahres war sie auch in dem Contest “The Voice Of Germany” und ist auf Platz Zwei gelandet. Ich kenne Kim schon sehr lange, etwa seit acht Jahren. Ich hab sie auf der ersten Schiller-Tour kennen gelernt, da sind wir beide als Sänger dabei gewesen und haben uns sehr mögen gelernt. Ich habe ja mit ihr und Milú schon das Lied “Aus Gold” gemacht, das allerdings Anke (der bürgerliche Name von Milú, Anm. d. Red.) geschrieben hat, ich habe da nur meine Strophe beigefügt. Jedenfalls wollte ich seitdem auch immer etwas mit Kim alleine machen, und als ich dann beim Schreiben der Platte war, habe ich mir gedacht, wenn man schon ein Duett plant, sollte man vielleicht damit anfangen, ein Lied zu schreiben. Eigentlich war das Lied auch komplett für sie geplant, aber auf meiner Platte haben wir es naheliegender Weise als Duett gesungen.

 

NecroWeb: Okay, kommen wir als nächstes zu deiner Single “Meine Welt”. Das hat ja so eine melancholisch-verträumte, ernste Melodie und einen naiv-kindlichen Text. Welche Message hat dieses Lied?

Peter Heppner: Den Grundton bildet eigentlich meine Frustration darüber, dass viele Leute es für naiv halten, wenn man sich für eine bessere Welt einsetzt. Wenn man sagt, man möchte gerne Frieden auf Erden, dann wird man fast schon ausgelacht und es wird für sehr naiv gehalten, aber ich halte das nicht für naiv! Das ist der falsche Umgang mit solchen Themen. Wir sollten aufpassen, dass wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren, selbst wenn sie nicht gleich morgen umsetzbar sind. Wir sollten unsere Vision von einer besseren Welt erhalten. Und wenn sie es noch nicht ist, dann sollten wir eben daran arbeiten, dass sie es wird. Und Träume und Visionen sind dafür eben die Grundvoraussetzung.

 

NecroWeb: Auf dem Album gibt es ja auch eine Kids-Version mit Kindergesang. Wie kam es denn dazu?

Peter Heppner: Ich bin von den beiden Kindern aus meinem näheren Bekanntenkreis gefragt worden, ob sie das Lied auch mal singen dürfen, und das hielt ich dann auch für eine ganz gute Idee. Es hat sehr großen Spaß gemacht, und die Mädchen hatten glaube ich auch viel Spaß. Es war zwar nicht ganz das erste Mal, dass ich mit Kindern gearbeitet habe, bei “Wir Sind Wir” (Peters gemeinsamer Hit mit Paul Van Dyk, Anm. d. Red.) hatten wir schon mal was mit einem Kinderchor versucht, da hab ich auch mit den Kindern direkt gearbeitet, aber hier war das eben viel näher dran – ich kannte sie, wir haben das bei mir aufgenommen, und das hat einfach großen Spaß gemacht.

 

Necroweb: Warum ist denn jetzt dieser Song gerade die erste Single geworden?

Peter Heppner: Diese Frage haben wir alle uns garnicht so richtig gestellt, weil jeder, der es gehört hat, inklusive uns, gesagt hat: ‘Das wird doch die Single, oder?’ Jeder, ohne Ausnahme. Warum, das kann ich dir garnicht sagen. Aber es gab wirklich keine Ausnahme, weder privat noch musikalisch – Dirk, Lothar (Peters Keyboarder, Anm. d. Red.), der Produzent Thommy Hein – niemand hat es je in Frage gestellt, es war einfach jedem klar, dass dieser Song eine Single werden muss.

 

NecroWeb: Das Video ist ja auch sehr nah am Text, da ist so eine kleine animierte Figur in einer grauen Welt, und die gestaltet sich ihre eigene bunte Welt nach ihren bunten Vorstellungen. Mit wem hast du da zusammengearbeitet?

Peter Heppner: Das hab ich mit Ulrike Rank zusammen gemacht, sie hat auch die Grafik für das Album gemacht. Ulrike kenne ich schon ziemlich lange, sie hat das allererste Wolfsheim-Pressefoto gemacht und wir haben über die Jahre immer mal wieder zusammen gearbeitet, wir sind auch befreundet. Sie hat beispielsweise das Video zu “Glasgarten” mit den Goethes Erben gemacht und die erste Schiller-Show dokumentiert.

NecroWeb: Hat sie das Video zu “God Smoked” auch gemacht?

Peter Heppner: Nee, das ist von den Bröllochs-Brüdern, und zwar betreiben die eine Videofirma, einer von ihnen ist ein Regisseur, und der hat Howard Marks kennengelernt, dessen Autobiographie als “Mr. Nice” verfilmt worden ist. Er hat eine sehr lebhafte Lebensgeschichte, ist im großen Stil Marihuana-Dealer gewesen und ist irgendwann verhaftet worden, saß dann in den USA im Gefängnis, ist dann vom mexikanischen Geheimdienst freigekauft worden, ist so über Mexiko wieder nach England gekommen und hat da Philosophie studiert und hat mittlerweile eine Radioshow, er macht auch Lesungen auf Musikfestivals, er ist eine sehr abgefahrene Gestalt. Und dieser deutsche Regisseur hat angefangen, einen Film über ihn zu machen, der den Titel “God Smoked” trägt. Er besteht aus Dokumentationsteilen, in denen er erzählt, wie er Howark Marks kennengelernt hat und wie er ihn so erlebt. Howark Marks wird auch selber gezeigt und hält Monologe und Reden über bestimmte Themen, und dann sollten eben in dem Film auch Musikvideos sein, und dafür sind ich und einige andere Musiker angefragt worden. Xavier Naidoo ist glaube ich auch angefragt worden, die ein oder andere englische Band ist außerdem noch dabei. Wir alle haben dann Songs für diesen Film geschrieben, und der Regisseur hat mit uns die Videos dafür gemacht. Die Musikvideos sind auch so in dem Film drin, dadurch hatte ich es eben schon fertig.

 

NecroWeb: Jetzt ein ganz anderes Thema. Du hast ja schon mit sehr vielen verschiedenen Künstlern gearbeitet, ich gehe also davon aus, dass du sehr offen und nicht genregebunden bist. Aber findest du die Unterteilung in Genres generell wichtig?

Peter Heppner: Also an einigen Stellen sind Unterteilungen in Genres natürlich praktisch. Manche Musikstile machen sich ja auch ihre eigene Schublade, etwa die Heavy Metal Abteilung, die wollen ja eine Schublade sein und Heavy Metal machen, und das soll auch dem entsprechen, was sie sich darunter vorstellen. Da find ichs dann auch in Ordnung. Aber bei Popmusik davon zu reden, dass das eine stilistische Schublade ist, da kriege ich schon eher ein Problem mit, denn Pop ist einfach kein Stil, sondern letztendlich alles das, was populär wird und von der breiten Masse gehört wird, deshalb habe ich auch immer gesagt, dass wir mit Wolfsheim Popmusik machen, weil ich der Meinung bin, dass das eben viel mehr Leute hören können und dass die Musik nicht nur von einer kleinen Szene gehört werden muss. Ein anderer Bereich, den es als Stil garnicht gibt, ist etwa Indie-Musik. Was soll das denn sein? Denn Independent im Zusammenhang mit Musik hieße immer nur unabhängig von großen Plattenfirmen zu sein. Das heißt, alles was unabhängig von großen Plattenfirmen gemacht worden ist, war Independent. Das hat mit einer Musikrichtung garnichts zu tun. Manche Leute nutzen diesen Begriff aber als Musikbegriff, und sagen dann über Musik, die eigentlich Indie ist, weil sie eben über ein Indie-Label entstanden ist, dass das doch nicht Indie, sondern Electro-Pop ist, aber das ist ja etwas völlig anderes.
Eine Einteilung kann zur groben Orientierung schon helfen, aber für mich spielen Genres keine Rolle. In Interviews würde es mir sehr helfen, wenn es sie garnicht gäbe, weil ich häufig nach Lieblingsmusikrichtungen gefragt werde und dann nicht stundenlang erklären müsste, dass ich alles Mögliche höre.

 

NecroWeb: Popmusik hat ja im Vergleich zum Indie oft eine negative Konnotation. Was unterscheidet denn jetzt deiner Meinung nach gute Popmusik von schlechter Popmusik?

Peter Heppner: Das ist eigentlich ziemlich schnell und eindeutig zu sagen. Die eine Art von Popmusik will nur unterhalten, und die andere Art will eben ein Bisschen mehr, und das will ich auch, da gibt es ja noch andere, wie Ich+Ich oder Grönemeyer, da kann man ja nicht sagen, es sei Unterhaltungsmusik, die wollen Menschen bewegen und berühren, und das finde ich dann gut.

 

NecroWeb: Und ist es schlecht, wenn Musik nur zur Unterhaltung da ist?

Peter Heppner: Nein, dann hat Musik einfach eine andere Funktion. In allen anderen Kunstrichtungen ist diese Unterscheidung ja viel eindeutiger, wie etwa in der bildenden Kunst. Es gibt die angewandte Kunst, die ist zur Unterhaltung da, und es gibt die freie Kunst, die will mehr. Und ich will ja in meinen vier Wänden nicht die ganze Zeit auf große Kunst gucken, weil das einfach auch zu anstrengend ist. Dann will ich einfach mal nur eine schöne Skulptur da stehen haben, oder ein schönes Bild, und das kauf ich dann bei Ikea, denn da haben die die Unterhaltungsbilder, und das ist auch gut so. Es kommt also immer auf die Funktion an, und auch auf die eigenen Ansprüche, die man an Musik stellt. Wenn ich nur unterhalten werden will, mache ich Scooter an, das funktioniert auf einer Fete wunderbar. Wenn ich eine Fete mit meiner Musik machen würde – na super, das wär ja eine Feier!

 

NecroWeb: Wobei Wolfsheim etwa in den Clubs immer noch rauf und runter gespielt wird.

Peter Heppner: Ja klar, wobei das natürlich bestimmte Arten von Clubs sind, das sind ja keine Mainstream-Clubs. Aber es war immer unsere Intention, tanzbare Musik zu machen, über die man auch nachdenken kann, wenn man sie sich mal in Ruhe anhört. Genau das versuche ich ja seit Jahren. Hier geht die Musik eben über die Unterhaltungsfunktion hinaus.

 

NecroWeb: Was hast du für ein Bild von deinem Publikum? Was sind das für Leute, die deine Musik hören?

Peter Heppner: Das ist sehr bunt gemischt. In Zeiten von Facebook kann man ja sowas nochmal genauer sehen, ich hab jetzt gerade festgestellt, dass meine Follower genau 50/50 Frauen und Männer sind, es war sehr interessant festzustellen, dass das so ausgeglichen ist.

 

NecroWeb: Hättest du mit einer größeren Anzahl an Frauen oder an Männern gerechnet?

Peter Heppner: Das weiß ich gar nicht, ich hätte nur nicht gedacht, dass es gleich ist. Ich hätte mir beides gut erklären können. Wären es mehr Frauen gewesen, hätte ich gesagt, es kommt daher, dass meine Musik als sehr gefühlvoll gilt, und dafür sind Frauen ja oft mehr empfänglich. Und wären es mehr Männer gewesen, hätte ich gesagt, es ist wohl die elektronische Musik, die dazu geführt hat, dass es mehr Männer sind, wobei ich mich da auch wieder gewundert hätte, dass doch so viele Männer offen für Gefühle sind. Aber jetzt darf ich mich über beides wundern und freuen. Und es ist auch vom Alter sehr durchmischt, das liegt aber auch oft daran, dass die Eltern teilweise schon Wolfsheim oder Schiller gehört haben und die Kinder dann angesteckt haben. Es kommen auch Familien zu den Konzerten, was sehr rührend ist.

 

NecroWeb: Kriegst du explizit Feedback von alten Wolfsheim-Fans zu deiner aktuellen Musik?

Peter Heppner: Ja klar, in verschiedenster Art und Weise. Ich geh mal davon aus, dass mich relativ viele Leute aus Wolfsheim kennen, aber ich weiß ja nicht, welche Alben sie noch kennen, wenn sie sagen ‘wieder ein tolles Album!’ Es gibt auch Leute, die sagen, dass sie Wolfsheim besser fanden, oder auch Schiller. Viele sagen auch, ich soll doch noch einmal so etwas machen wie “Die Flut” mit Witt oder “Wir Sind Wir”, aber wir haben schon so etwas wie “Wir Sind Wir”, das brauchen wir doch nicht nochmal. Aber ich denke, wenn man so lange Musik macht, ist es normal, wenn einen die Leute auf die Vergangenheit ansprechen.

 

NecroWeb: Du genießt in der Gothic-Szene ein sehr hohes Ansehen, das ist faszinierend, denn andere Kollegen, die so erfolgreich und außerhalb der Szene so bekannt sind wie du, verlieren an Authentizität, du hingegen nicht. Wie erklärst du dir das?

Peter Heppner: Ich wollte eigentlich bildender Künstler werden, da lernt man Kunst einfach ganz anders. Wenn du Maler werden willst, hast du gleich mal Michelangelo, Rubens oder Van Gogh, mit denen du dich vergleichen lassen musst, und das führt dazu, dass man das, was man macht, auch gleich ganz ernsthaft betreibt, so hab ich gelernt, Kunst zu machen. Als es dann dazu kam, dass ich in einer Band singen sollte, habe ich angefangen, es genauso ernsthaft zu betreiben, wie ich meine bildende Kunst betrieben habe. Bei Kunst merkst du ganz schnell, dass es keinen Sinn macht, dich selber zu belügen. Es hat nur das wirklich einen Wert, was auch wirklich wahr ist, und was du selber in dir spürst, und wenn du das umsetzt, dann ist das authentisch. Ich glaube, das war für mich ein Vorteil, weil ich dadurch das, was ich in der Musik gemacht hab, auch ganz ernsthaft und authentisch betrieben hab. Das heißt jetzt nicht, dass ich nur über mich schreibe, ganz im Gegenteil, ich schreib eigentlich fast nie über eigene Erlebnisse, ich bringe das immer in eine andere Form, damit auch andere Leute sich darin wiederfinden können, ich will ja nicht ständig nur an meiner Autobiographie arbeiten. Aber ich benutze schon meine eigenen Gefühle, um die Sachen auszudrücken, oder um zu verstehen, wie man sich in bestimmten Situationen fühlt.
Ich glaube, ich hab einfach das Glück gehabt, über die bildende Kunst zur Musik zu kommen, und deshalb betreibe ich sie so authentisch. Vielleicht merkt man das.
Außerdem bin ich wenig kompromissbereit, wenn ich finde, dass etwas noch nicht passt. Dann setze ich mich lieber noch einige Wochen daran, um das Letzte rauszuholen. Wir wollten ja auch das neue Album in einem Monat produzieren, wir haben aber letztendlich vier Monate gebraucht, weil wir der Meinung waren, da muss noch was passieren. Und erst als wir uns sicher waren, dass wir alles getan haben, was in unserer Macht stand, da haben wir es dann aufgegeben. Und wenn das eben bedeutet, dass die Produktion drei Monate länger dauert und über Weihnachten und Neujahr geht, dann ist das eben so.

 

NecroWeb: In den letzten Jahren haben ja das Internet und die Digitalisierung die Macht übernommen, welche Entwicklung siehst du denn da für die Musikbranche?

Peter Heppner: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Klar möchte ich, dass die Leute, die meine Musik hören wollen, sie auch so leicht wie möglich kriegen können. Auf der anderen Seite gibt es natürlich das Problem, dass Musik machen auch Geld kostet. Es dauert zwei bis vier Jahre, bis ich mit einer neuen Platte fertig bin. In der Zeit muss ich mein Leben ja finanzieren können. Natürlich mach ich auch Kunst um der Kunst willen, weil ich das will, und weil das für mich eine Berufung ist. Andererseits kann ich meinem Vermieter am Ende des Monats nicht sagen ‘Ich zahl jetzt keine Miete, ich singe Ihnen was vor.’ Der sagt dann ‘Tja, machen Sie das doch auf der Straße!’ Das Leben kostet was, ich will ja nicht von Sozialhilfe leben wollen, nur weil ich Künstler bin.
Diesen ganzen Indie-Bereich gibt es nur, weil man mit dem Verkauf von Platten Geld verdienen konnte, sonst hätte sich der ganze Bereich nicht finanzieren können, woher auch? Man konnte nur etwas gegen die großen Major-Labels setzen, weil man diese Verkäufe im Hintergrund hatte, weil es immer Leute gab, die Platten von den Indie-Bands gekauft haben. Nur so ließ sich das finanzieren, das hat nichts mit Geldgier zu tun.
Die Zeit, die man für etwas aufwendet, muss man sich leisten können, sonst muss man es lassen. Das sieht man jetzt an vielen Indie-Labels, die existieren zwar noch, aber die bringen nur das raus, was ihre Künstler ihnen fertig geben. Sehr viele Veröffentlichungen sind eben nur noch Hobby, da kann man nicht mehr davon leben, die Leute müssen daneben alle noch einen Beruf haben.
Mit Auftritten kann man ein Bisschen aufholen, aber es gibt nur eine bestimmte Anzahl von Clubs, und es gibt nur eine bestimmte Anzahl an Tagen im Jahr. Wir hatten schon immer die Situation, dass es ungefähr zehn Mal so viele Bands gibt, die auftreten wollen, als Bands, die auftreten können, weil die Ressourcen einfach begrenzt sind.
Die Leute, die wollen, dass das Urheberrecht aufgehoben wird, argumentieren immer damit, dass in der Vergangenheit so viel Geld gemacht worden ist, aber es ist ja nicht so, dass nichts zurück gekommen ist. All die Vielfalt an Musik, hundertausende von Bands, die es auf der ganzen Welt gibt, die haben wir der Tatsache zu verdanken, dass viel Geld rein geflossen ist. Wenn da jetzt kein Geld mehr rein fließt, wird es ganz schnell nur noch Hobbybands geben, die sich über YouTube verbreiten, aber mehr auch nicht.

 

NecroWeb: Was die meisten Leute sehen, sind eben nur die ganz berühmten Musiker, die ihre Privatjets und ihre Milliarden haben, und dann entsteht leicht das Bild, dass jeder Musiker so lebt.

Peter Heppner: Ja, aber wenn man sich mal ansieht, was der durchschnittliche Verdienst eines GEMA-Musikers ist, dann sind das 5000 bis 6000 Euro im Jahr. Und ich hab ja auch schon ein paar richtig große Hits gehabt, und ich bin nicht reich, und die meisten Leute, die ich kenne, sind es auch nicht. Das ist so ein Trugbild, was man da hat.
Außerdem sind wir nicht dazu da, um mit Sack und Asche auf die Bühne zu gehen, und so zu tun, als wären wir ganz arm dran. Das ist nicht die Botschaft, die wir verbreiten wollen. Wir wollen die Botschaft unserer Kunst verbreiten, oder eben einfach unterhalten, und natürlich stellen wir uns dann in einer Art und Weise dar, die auch funktioniert. Wenn sich also irgendwelche Musiker mit irgendwelchen Sportwagen und Tussen hinstellen, dann gehört das halt zu deren Image. In der Regel ist der Wagen gemietet und die Tussen auch. Man darf das nicht falsch verstehen. Wenn es im Musikgeschäft so wäre, dass man nur einen Hit haben muss, und dann hat man für sein Leben ausgesorgt, dann wäre das Dschungelcamp leer. Die Leute gehen da rein, weil sie zusehen müssen, wie sie in Zukunft auch noch irgendwie leben können, da geht ja keiner freiwillig hin.

 

NecroWeb: Wenn die Musik frei im Internet zugänglich ist, geht das dann nicht auch einher mit einem Wertverlust, weil man einfach so viel zu hören hat, dass man nicht mehr merkt, was einem wirklich gefällt und wichtig ist?

Peter Heppner: Ja, das ist auch noch so ein Problem. Es gibt ja MP3-Player, wo so ein paar Gigabyte Musik drauf passt. Wenn ich das alles einfach hintereinander spielen wollte, wäre ich schon jahrelang damit beschäftigt. Das ist ein merkwürdiges Verhalten. Ich geh auch nach wie vor anders mit Musik um. Ich höre das viel gezielter und bin da nicht so beliebig. Das muss halt jeder für sich selber entscheiden. Aber wo es hingehen soll, das kann ich dir auch nicht sagen. Das einzige was ich sagen kann, ist, dass die Forderung nach der Abschaffung des Urheberrechts, zudem durch eine Partei wie die Piraten, in keinster Weise hilfreich für uns Musiker ist.

 

NecroWeb: Das ist ein starkes abschließendes Statement. Wir wünschen dir viel Erfolg mit deinem neuen Album und deiner Tour im Herbst!

Website

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(© Universal Music, Mathias Bothor)