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Interview mit APOPTOSE

Veröffentlichung : 18.05.2009
APOPTOSE
Ein Projekt, welches beständig qualitativ hochwertige Werke hervorbringt, ist APOPTOSE. Zeit also den Künstler, hinter diesen prägenden Klangwelten, mal persönlich zu kontaktieren und somit war es für mich eine Ehre dieses Interview mit Rüdiger führen zu dürfen, bin ich doch selbst seit Jahren in die fantastischen Klangwelten von APOPTOSE vernarrt. Was dabei herauskam, könnt ihr den folgenden Zeilen entnehmen..
NecroWeb: Erstmal Glückwunsch zu einem weiteren starken Werk! Bitte erläutere unseren Lesern worin die Inspiration für "Schattenmädchen" lag und in welchen Bezug das Cover dazu steht.

Rüdiger: "Schattenmädchen" stellt thematisch einen kompletten Gegenpol zu den beiden ersten Apoptose-Alben "Nordland" und "Blutopfer" dar. Diese waren von heidnischen und naturreligiösen Gedanken beeinflusst und bewegten sich im Untergrund des menschlichen Bewusstseins. "Schattenmädchen" hingegen behandelt die Schattenseite unserer momentanen Lebensumstände: Vereinsamung, Krankheit, Umweltzerstörung, Reizüberflutung. Dem Mädchen auf dem Cover sieht man an, wie sehr diese Verhältnisse es verunsichern.


NecroWeb: "Schattenmädchen" setzt sich aus Sampler Beiträgen zusammen. Gab es diesbezüglich eine spezielle Nachfrage oder war das deine eigene Idee? Auffallend im Musikbild auf diesem Werk ist der Einsatz von Sprachgesang bzw. Sprachsamples - ist dies ein Wink für die Zukunft?

Rüdiger: Die vier älteren Stücke waren tatsächlich bereits in anderer Version auf separaten Compilations zu hören. Trotzdem bildeten sie für mich immer verschiedene Fragmente eines Bildes, das nie zu meinen anderen Alben passte. Deswegen war es nur eine Frage der Zeit, wann diese Aufnahen einmal zusammen auf einem eigenen Album erscheinen würden. Als ich dann an den Stücken mit Kenji Siratoris Texten arbeitete, fügte sich eins zum anderen. Ich merkte, dass jetzt die Zeit reif war, dieses bisher nur fragmentarisch vorhandene Album zu vollenden. Spezielle Nachfrage gab es also keine - außer meiner eigenen. Sprache und Gesang wird es bei Apoptose in Zukunft noch öfter zu hören geben. Auf dem nächsten Album "Bannwald" befindet sich nur ein einziges Stück ganz ohne Stimme. Bei den anderen reicht das Spektrum von einzelnen Sprachsamples bis hin zu komplett gesungenen Liedern.


NecroWeb: "Violet Silence" ist ein fantastischer Song geworden, ist bei solchen Kompositionen eigentlich eine gewisse Gefühlslage deinerseits nötig und was verbirgt sich hinter dem Titel "Ba-137m"? Bedarf es dabei eines bestimmten Entstehungsprozess was das Songs schreiben betrifft oder entstehen die Ideen dazu spontan?

Rüdiger: Meist überfallen mich die ersten Ideen zu den Stücken spontan. Ich fange dann an, das Grundgerüst oder nur einzelne wichtige Passagen des Tracks mit meinen Instrumenten festzulegen. Mit der Zeit fülle ich dann diese Basis mehr und mehr mit Leben. Dabei ist es natürlich wichtig, in der richtigen Stimmung zu sein, damit man sich auf den Song einlassen kann. Manchmal geht das sehr schnell - zwei bis drei Tage von der ersten Idee bis zum fertigen Stück. Meist dauert es aber länger: Im Fall von "Violet Silence" waren es etwa sieben Jahre. Bei dem Stück bin ich anfangs über die Melodien und den Rhythmus nicht hinausgekommen. Ich wusste, es hat Substanz, aber mir fehlte noch der entscheidende Ansatz, um das Stück zu vervollkommnen. Inzwischen weiß ich, dass diese Musik für mich nur zusammen mit einer Stimme funktioniert, damals arbeitete ich aber noch komplett instrumental. So musste dieser Track warten. Mittlerweile existiert noch eine weitere Version davon mit einem anderen Text. Sie heißt "Violet Creed" und ist auf der "Warrior Creed" LP zu hören.
"Ba-137m" ist die Kurzbezeichnung für ein bestimmtes Barium-Isotop. Es entsteht beim radioaktiven Zerfall von Cäsium-137.


NecroWeb: Wie kam auf diesem Werk die Zusammenarbeit mit Stephen Carpenter und Kenji Siratori zustande und wer verbirgt sich hinter Amelie?

Rüdiger: Kenji Siratori, ein japanischer Cyberpunk-Autor, war damals recht umtriebig in der Industrialszene. Er fragte bei mir an, ob ich Lust auf eine Zusammenarbeit hätte. Weil seine Texte kaum Schnittmengen mit meinen Themen aufzuweisen schienen, fand ich die Idee interessant. So kam es, dass er einen Text für mich schrieb und davon auch eine Stimmaufnahme in japanischer Sprache machte. Stephen Carpenter ist ein Freund aus USA. Er hat eine schöne Sprech-Stimme, daher bat ich ihn, den Text von Kenji auf Englisch zu lesen. Amélie ist meine älteste Tochter.


NecroWeb: Kommen wir nun zu deinem aktuellen Werk "Warrior Creed". Welchen Einfluss hat Joy Of Life auf dein Schaffen - ist "Warrior Creed" doch ein Song von jenen - und wer ist speziell bei diesem Song für die sprachliche Darbietung verantwortlich?

Rüdiger: Eigentlich hatte Joy of Life bisher keinen Einfluss auf Apoptose, aber ich mag ihre Musik seit langer Zeit. Speziell "Warrior Creed" hatte es mir immer schon angetan. Da dieses Stück sehr von den Trommeln lebt, hatte ich eines Tages den Einfall, es mit den Trommlern des Fanfarenzugs Leipzig neu aufzunehmen. Fehlte nur noch ein Sänger. Ich fragte bei Gary Carey an, dem Kopf von Joy of Life, der damals auch die Originalversion von "Warrior Creed" gesungen hat. Er stimmte sofort zu, als er meine Idee hörte. Für die Stimmaufnahmen trafen wir uns dann in Leipzig, und anschließend stand er noch mit uns zusammen beim Breslau Industrial Festival in Polen auf der Bühne. Das hat allen Beteiligten so viel Spaß gemacht, dass ich vorschlug, die "Warrior Creed" LP zu veröffentlichen. Dieses Album ist dann zur Wintersonnenwende 2008 erschienen und enthält neben mehreren Versionen des Titelstücks auch Live-Aufnahmen von Apoptose mit dem Fanfarenzug Leipzig.


NecroWeb: Wie kommt man auf die Idee, mit dem Fanfarenzug Leipzig zwei Songs vom "Blutopfer" Album neu aufzulegen und wie wurde diese in die Tat umgesetzt?

Rüdiger: In der Vergangenheit hatte ich mir vorgenommen, wenn es je einen Apoptose-Auftritt geben wird, dann nur mit anderen Musikern zusammen. Mich allein hinter Laptop und Keyboard verschanzt auf die Bühne zu stellen, kam mir immer zu langweilig vor. Ich suchte daher nach Trommlern, die live die Rhythmen der spanischen Osterprozessionen trommeln konnten, die ich damals für "Blutopfer" aufgenommen hatte. Die Leute vom Fanfarenzug Leipzig waren sofort interessiert, obwohl sie noch nie von Apoptose gehört hatten. Bei den Proben und auf der Bühne hat das dann so gut geklappt und klang so druckvoll, dass ich diese Stimmung unbedingt auch auf Tonträger festhalten wollte.



NecroWeb: "Warrior Creed" beinhaltet nicht wirklich viel Neues Material - ist dieses Werk mehr zur Überbrückung zu "Bannwald" gedacht oder hattest du schon länger die Idee dazu Joy Of Life hier mit einzubinden?

Rüdiger: Wirtschaftliche Überlegungen wie die Überbrückung der Zeit zwischen zwei Alben spielen bei Apoptose kaum eine Rolle, dazu ist diese Art von Musik einfach zu speziell. Auch mein Label Tesco fordert nichts in der Richtung. Die Stücke auf "Warrior Creed" mögen zum Teil schon in ähnlicher Form bekannt sein, ich hielt diese Versionen jedoch für so stark, dass ich sie dem interessierten Kreis zugänglich machen wollte. Allein schon die Zusammenarbeit eines Industrial/Ambient-Projekts mit einer 80er-Jahre Post-Punk-Ikone und einem Fanfarenzug dürfte einzigartig sein. zwinkern


NecroWeb: Ist dieses Album exklusiv nur auf Vinyl erhältlich, oder dürfen auch CD Freunde auf dieses Schmankerl hoffen?

Rüdiger: Bisher ist es nur als Vinyl geplant. Für mich fühlte sich das einfach als das bessere Format für diese sehr spezielle Zusammenarbeit an.


NecroWeb: Wie hast du eigentlich zur Musik gefunden, wo liegen deine musikalischen Wurzeln und was hat dich dazu bewogen, den Begriff APOPTOSE für dein Projekt zu wählen?

Rüdiger: Meine musikalischen Wurzeln liegen im Elektropop, New Wave und Gothic der 80er Jahre - man höre und staune. Auch Ambient und Industrial der späten 80er-/frühen 90er-Jahre sind mir wohlvertraut. Seit ich in der Kindheit Instrumente spielen lernte, träumte ich davon, eigene elektronische Musik zu machen. Die ersten Sampler waren für mich als Jugendlichen unerreichbare Traum-Instrumente und die Bands, die sie benutzten, hielt ich für Götter. Der Begriff "Apoptose" steht in der Medizin für den so genannten programmierten Zelltod. Das ist eine Art Selbstmordprogramm, das in jeder lebenden Zelle schlummert und aktiv wird, wenn die Zelle krank oder geschädigt ist. Nur bei Krebszellen funktioniert dieses Programm nicht. Das ursprünglich griechische Wort "Apoptosis" bedeutet allerdings "Fallende Blätter". Diesen Gegensatz fand ich faszinierend und erkenne ihn immer deutlicher auch in meiner Musik.


NecroWeb: Sämtliche Werke von APOPTOSE sind stilistisch recht verschieden ausgefallen, wie erklärst du dir das - oder entstehen die Alben in bestimmten ,Phasen'? Gibt es ein Werk von APOPTOSE, welches dir im nachhinein am Besten gefällt, wenn ja warum?

Rüdiger: Zum einen experimentiere ich gerne, zum anderen sind die Alben über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden. Da ist es ganz natürlich, dass man sich entwickelt. Darüber hinaus wähle ich mir gerne ein Konzept für jedes Album. Je unterschiedlicher die Themen, desto weiter liegen natürlich auch die musikalischen Beiträge auseinander. Ein Lieblingsalbum habe ich darunter nicht. Für jedes gibt es die richtige Zeit.


NecroWeb: Dein neues Werk "Bannwald" steht in den Startlöchern - möchtest du unseren Lesern noch etwas darüber verraten?

Rüdiger: Für "Bannwald" habe ich mich auf Spurensuche begeben: Ich wollte herausfinden, wo die Magie geblieben ist, die uns aus den Märchen der Kindheit so vertraut ist. Das Ergebnis meiner, zugegebenermaßen nicht wissenschaftlichen, Studie ist auf dem Album zu hören. Ich möchte gar nicht so viel dazu sagen, sondern jeden ermutigen, sich selbst auf den ungewissen Weg zu machen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Verraten kann ich aber, dass "Bannwald" für Apoptose-Kenner vertraut aber gleichzeitig ungewöhnlich klingt. Und dass wir auch dem Artwork wieder besondere Sorgfalt gewidmet haben.


NecroWeb: Und hier unsere Schnellschussfragen:


NecroWeb: Was machst du am Morgen als erstes nach dem Aufstehen?

Rüdiger: Ich suche meine Brille.


NecroWeb: Was stimmt dich nachdenklich?

Rüdiger: Dass mp3-Downloads die Zukunft der Musik sein sollen.


NecroWeb: Und was macht dich glücklich?

Rüdiger: Ein Wochenende ohne Termine und Verpflichtungen.


NecroWeb: Sahne Joghurt oder Frucht Quark?

Rüdiger: Fruchtquark.


NecroWeb: Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Rüdiger: Ein Boot: um wieder nach Hause zu fahren, wenn es mir nach Jahren zu langweilig wird.


NecroWeb: Isst du Trockenobst?

Rüdiger: Ich esse fast alles, auch Trockenobst.


NecroWeb: Welche Band/ Stilrichtung magst du überhaupt nicht?

Rüdiger: Weichgespülten Ami-Rock à la Nickelback oder Bon Jovi.


NecroWeb: Wie viel Hemden hast du im Haus?

Rüdiger: Mehr als man an einem Abend bügeln möchte...


NecroWeb: Hosenträger oder Gürtel?

Rüdiger: Gürtel.


NecroWeb: Welche drei Alben hörst du momentan am liebsten?

Rüdiger: Jóhann Jóhannsson - "Fordlandia",
Rachel Unthank and the Winterset - "The Bairns",
Antony and the Johnsons - "The Crying Light".


NecroWeb: Letzte Worte an deine Fans?

Rüdiger: Schön, dass es Euch gibt!


NecroWeb dankt für dieses interessante Interview und wünscht alles Gute für die Zukunft!
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