Interview mit ALLSEITS
Veröffentlichung : 20.01.2010
ALLSEITS
Eine fantastische Veröffentlichung ist "Hel" von ALLSEITS geworden und somit war es für mich Pflicht mit der Musikerin hinter diesem Projekt in Kontakt zu treten. Als Resultat ist dabei dieses feine Interview herausgekommen, in welchem ihr unter anderem erfahren könnt, warum jene die Mythologie als Thematik wählte. Aber lest selbst...

Nina: Allseits ist eigentlich aus einem Zufall heraus entstanden. Es sammelte sich im Laufe der Zeit immer mehr Soundmaterial an, das nie so recht auf ein ALL SIDES Album passen wollte, aber mir auch zu schade war um es einfach wegzuwerfen. So hab ich dann einfach ein zweites Projekt gegründet.
NecroWeb: Wie sind denn die bisherigen Reaktionen auf dein Debüt ausgefallen? Bist du selbst vollkommen zufrieden damit?
Nina: Bisher habe ich nur Positives gehört, was mich natürlich sehr freut. Die, die es nicht gut finden, haben aber vermutlich auch einfach nicht die Motivation mir das mitzuteilen, sondern hören sich "Hel" einfach nicht wieder an. Zufrieden..ja....aber dieses Album ist für mich persönlich schon etwas älter (es dauerte ja eine Weile bis es endlich erschienen ist) und einiges würde ich jetzt anders machen. Das ist allerdings bei jeder Platte und auch nach jedem Konzert so.

Nina: Ich war wärend der Arbeit an "Hel" in Norwegen. Dort habe ich mit KAMMARHEIT, SVARTSINN, NORDHAUNT und Anderen ein kleines Konzert in einem Klub in Trondheim gegeben, bin ein paar Tage dort geblieben und habe mir die Landschaft angeguckt. Ich bin allein durch einen Wald gestapft, es lag bestimmt ein halber Meter Schnee. Als ich anhielt und mich nicht bewegte, hörte ich absolut nichts. Ich war vollkommen beeindruckt von der Stille und der Magie dieses Ortes. Wenn in diesem Moment irgendein seltsames Wesen aus dem Wald gekommen wäre und 'Hallo' gesagt hätte, hätte mich das nicht sehr gewundert. Ich kam mir vor, als wäre ich in einer anderen Zeit, als Menschen noch an Märchen und Mythen glaubten. Irgendwo in diesem Wald hätte der Eingang in eine andere Welt sein können, das hat mich inspiriert.
NecroWeb: Wie lang hast du insgesamt für "Hel" gebraucht? Gibt es eine spezielle Herangehensweise beim Erstellen der Songs Deinerseits?
Nina: Nein, ein festes Schema habe ich nicht. Meist ist jedoch ein Sound oder eine Melodie, die ich irgendwo aufgenommen oder einspielt habe, der Ausgangspunkt um den sich dann Spur für Spur alles aufbaut. Zwischendurch wird mal geschnitten, geschoben, gemischt, verworfen und wieder aufgenommen. Ich arbeite immer an mehreren Tracks gleichzeitig. Wenn ich nicht weiterkomme oder einfach mal was anderes hören muss, nehme ich mir eine andere Baustelle vor. Manchmal verschwinden so halbfertige Songs für lange Zeit in der Schublade und ein halbes Jahr oder Jahr später stoße ich darauf und denk "ach das gibt es ja auch noch" und mache dann mit neuen Ideen daran weiter, die ich vorher nicht gehabt hätte. Daher kann ich auch nicht genau sagen, wie lange ich eigentlich für "Hel" gebraucht habe. Manche Fragmente der Songs sind uralt, andere viel jünger und dann hat es auch noch ein gutes Jahr oder sogar eineinhalb gebraucht bis es jetzt endlich veröffentlicht wurde.
NecroWeb: Wie bist du eigentlich bei den Kanadiern von Cyclic Law untergekommen?
Nina: Ich habe Frederic Arbour, den Macher von Cyclic Law, einmal in Vilnius (Lithauen) getroffen. Er hat dort mit seinem Projekt VISIONS auf dem selben Festival gespielt, wie ich mit TROUM, die ich damals live unterstützt habe. ALLSEITS gab es damals noch gar nicht. Viel später habe ich Frederic dann einfach ein Demo geschickt und er war gleich begeistert.

NecroWeb: Woher beziehst du deine Inspiration zur Erschaffung solch düsterer Klanglandschaften?
Nina: Also zunächst einmal bin ich ein fröhlicher und lebensbejahender Mensch. Allerdings bin ich nicht blind oder gefühlskalt und die Welt um mich herum bietet jede Menge Inspiration für düstere Gedanken und Sehnsüchte. Früher war ich eher etwas depressiv, hab ich mich schwarz angezogen und böse geguckt, um das auszudrücken; heute mache ich lieber Musik. Wobei ich selbst meine Musik gar nicht als so düster empfinde, zwar melancholisch aber nicht ohne Hoffnung. Es sind immer ganz persönliche Erlebnisse und Assoziationen die in die Songs einfließen, jedoch möchte ich andere Menschen nicht mit meinem persönlichen Seelenmüll belästigen oder ihnen erzählen wie schlimm die Welt ist oder sogar mit erhobenem Zeigefinger irgendwelche Weisheiten von mir geben. Also verpacke und verschlüssele ich das ganze in Soundlandschaften zu denen sich jeder seine eigenen Gedanken machen und Gefühle haben kann.
NecroWeb: Hast du schon vor ALLSEITS musikalische Erfahrungen sammeln können?
Nina: Ja, ich habe zunächst Hörspiele und Collagen gemacht, später dann mit Sounds herum experimentiert und schließlich mein Soloprojekt ALL SIDES gegründet, das war 2005.
NecroWeb: Wie hat sich deiner Meinung nach die Stilistik des Dark Ambient in letzter Zeit entwickelt?
Nina: Keine Ahnung. Der Begriff Dark Ambient umfasst so viel und das meiste kenne ich nicht. Als ich anfing Musik zu machen wusste ich nicht einmal, dass es ein Genre für das gibt, was ich da tue oder das es Menschen gibt, die das Musik nennen.

NecroWeb: Sollte Dark Ambient mehr emotional oder eher finster sein und wie denkst du über Formationen, die Sprachsamples oder Gesang zur Unterstützung integrieren?
Nina: Mein persönlicher Geschmack in Bezug auf ruhige oder düstere Musik geht in die emotionale Richtung und darf dabei auch gern finster sein, muss aber nicht. Viele akustisch transportierte Stimmungen können mich emotional berühren, egal ob sie finster sind, lustig oder schön oder traurig. Hauptsache für mich ist dabei nur, DASS mich etwas berührt. Sprachsamples und Gesang benutze ich selbst. Auf dem gerade erschienenen Album "Hel" ist ein Song der ausschließlich aus meiner bearbeiteten Stimme besteht (Gjöll). Generell kann ich sagen, dass Gesang natürlich extrem nerven kann, besonders wenn auch noch textlicher Inhalt vermittelt wird. Andererseits kann er aber auch richtig gut in das Gesamtbild eines Stückes passen und dieses erst zu dem machen was es ist. Es ist nicht die Frage ob, sondern wie und letztlich jedem selbst überlassen ob er das gut findet und das dann Dark Ambient nennt.

Nina: Also, als ich ALL SIDES gegründet habe, hieß das Projekt eigentlich ALLSEITS. Irgendwann wollte ein englisches Label (Make Mine Music) eine CD mit mir machen. Wenn Engländer ALLSEITS sagen, klingt es wie ALL SIDES, deshalb hab ich mich gleich so genannt. Dazu kommt noch, dass beides die gleiche Bedeutung hat. Der Unterschied der beiden Projekte ist der, dass auf ALL SIDES Platten auch schon mal ein HipHopBeat zu hören ist (natürlich mit knarzenden Gitarrenwänden) oder ein bisschen Elektrogefrickel und shoegazelastiges. Mit ALL SIDES erforsche ich auch die Welt der populären Musik, modifiziere diese und stecke sie in ein für mich angenehmes Kostüm. So etwas passiert bei ALLSEITS nicht. Hier bohre ich mich immer tiefer in Abgründe hinein die dunkel, geheimnisvoll und still oder auch mal ganz laut und dreckig sind. Wenn ich irgendwo live spiele, vermischen sich diese beiden Projekte allerdings oft. Letztendlich bin ja beides ich. Es war nur schwierig diese unterschiedlichen Songs auf einer Scheibe und letztlich auch bei einem Label unterzubringen.

NecroWeb: Eine Stärke Deinerseits?
Nina: Pragmatisches Denken.
NecroWeb: Welche Persönlichkeit möchtest du einmal treffen?
Nina: Michel aus Lönneberga.
NecroWeb: Auf was kannst du am ehesten verzichten?
Nina: Auf Bands, die mit Nazioptik kokettieren und meinen damit ja nur schockieren zu wollen, oder was auch immer. Das schockt doch niemanden mehr sondern ist ganz einfach Marketing, da so noch ein paar mehr Tonträger und Konzertkarten verkauft werden, an Leute die sich von soetwas angezogen fühlen. Ich finde das scheinheilig, unabhängig von der tatsächlichen politischen Ausrichtung der Musiker. Diese Leute tanzen immer auf zwei Hochzeiten gleichzeitig und sind auch noch zu feige das zuzugeben und mal klar Stellung zu beziehen. Da ist mir eine eindeutig rechte Band ja schon fast lieber, obwohl ich politisch völlig anders ausgerichtet bin, denn die stehen wenigstens zu sich selbst und versuchen nicht durch irgendwelche Klamotten oder ähnliches ihren Scheiß auch noch an Punks zu verkaufen. Sorry, dass ich hier so ausschweife, aber dieses Thema nervt mich extrem und ich habe die Schnauze voll mit denen in eine Schublade gesteckt zu werden und ständig erklären zu müssen, dass ich, auch wenn ich düstere Mukke mache, nichts mit diesem Kram zu tun habe und auch nicht haben will. Wenn sich jetzt jemand auf den Schlips getreten fühlt, dann wohl zu Recht und es tut mir auch nicht leid. Ich zwinge ja niemanden meine Musik zu hören.
NecroWeb: Mit wem würdest du unbedingt mal ein Album aufnehmen wollen?
Nina: Jesu.
NecroWeb: Hühnerbrühe oder Bohneneintopf?
Nina: Beides lecker.
NecroWeb: Ein CD Cover, welches du total miserabel findest?
Nina: Leider der Dark Ambient Radio Sampler Vol.1 auf dem ich selbst vertreten bin.
NecroWeb: Um welche Uhrzeit beginnt dein Tag?
Nina: Bis vor kurzem noch um 5:30, jetzt schönerweise erst gegen 9 Uhr.

Nina: Unterschiedlich.
NecroWeb: Welches Buch liest du gerade?
Nina: Kalte Asche (Simon Beckett).
NecroWeb: Wie viel Paar Schuhe sind Dein?
Nina: Habe sie nicht gezählt, aber geschätzte 13. Fragt ihr das auch männliche Musiker?
NecroWeb: NecroWeb dankt für dieses Interview und die letzten Worte seien Dein:
Nina: Habe keine Weisheiten zu verkünden und sage nur danke für euer Interesse.





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