Emilie Autumn – Fight Like A Girl
von Crennas
- Verlag : The Asylum Emporium
- Bewertung : 10 von 10 Punkte
- Format : CD
- Veröffentlichung : 00.07.2012
- Spielzeit : 64:31 min

Emilie Autumn – Fight Like A Girl (© The Asylum Emporium)
“If you´re willing to be thrilled this is one hell of a ride” heißt es in “Girls! Girls! Girls!” auf Emilie Autumns neuestem Album “Fight Like A Girl”. Und genau das gilt für das gesamte Album – wer sich auf Emilies wilden Mix aus elektronischen Klängen, akustischen Instrumenten, mal melancholischem, mal aggressivem Gesang und tiefgründigen Vocals einlassen will, bekommt mit FLAG exzellentes Futter.
Lang erwartet von allen ‘Plague Rats’ erscheint nun endlich das neuste Werk der Künstlerin, die sich selbst mit dem 2007er Album “Opheliac” ein musikalisches Denkmal setzte, welches sie nun noch zu übertreffen versucht. Mit Erfolg?
Mit dem titelgebenden “Fight Like A Girl” beginnt alles. Poppiger als erwartet, recht zugänglich und (leider!) ohne den markanten Einsatz von Emilies Violine eröffnet ein Song den bunten Reigen, in dem gleich klar wird, dass EA auch auf FLAG nicht allzu gut auf Männer zu sprechen ist. Wissen wir ja.
Insgesamt ein gelungener Song, der allerdings einen Trend deutlich macht, der sich durch das gesamte Album zieht: Zugunsten klanglicher Weiterentwicklung kommt die (verzerrte) Violine nicht mehr zum Einsatz. Sehr schade, waren doch gerade Stücke wie “Liar” oder “Dead Is The New Alive” auf der “Opheliac” sehr stark vom Violindustrial-Sound beeinflusst.
“Time For Tea” war eines meiner Highlights auf der letzten EA-Tour; der verstärkte Einsatz druckvoller Drums steht dem Song sehr gut. “Revenge is a dish that is best served now” heißt es in Anlehnung an ein bekanntes klingonisches Sprichwort, musikalisch baut sich eine unterschwellige Aggressivität auf, die im Finale nur noch von “Take The Pill” übertroffen wird. Aber dazu später.
“4 o´Clock Reprise” verdeutlicht einen weiteren Unterschied zu älteren Alben, denn dieses kurze Instrumental und einige weitere Stücke lassen FLAG sehr viel mehr wie ein Live-Line-up wirken. Dort kommen die kurzen Verbindungsstücke immer bei Kostümwechseln oder kurzen Umbauten zum Einsatz. Als eigenständiger Titel gibt das Stück nicht allzu viel her, als Überleitung zum folgenden “What Will I Remember?” stellt es aber eine gelungene Brücke vom elektronischen Titel zuvor dar.
Mit “What Will I Remember?” wird es nämlich melancholisch und nachdenklich. Statt wilder Elektronik geht es akustisch zu. Ein wenig erinnert der Titel an das grandiose “The Art Of Suicide” vom “Opheliac”-Album. Die Melodie geht ins Ohr und der Song verbreitet angenehme Schwermut, wie man das von Emilies ruhigen Titeln gewöhnt ist.
Nach dieser kurzen Verschnaufpause lässt EA es wieder richtig krachen. “Take The Pill” ist nicht nur der aggressivste und tanzbarste Titel auf dem Album, sondern ließ mich vor allem auf der letzten Tour beinahe sprachlos zurück, denn zum Ende hin knallt es hier richtig. Langsam baut sich eine düstere Stimmung auf, die sich zum Ende hin in einem heftigen Höhepunkt entlädt, inklusive hämmernder Drums und bedrohlichem Geschrei. Live sorgt das für echte Gänsehaut, auch auf dem Album ist “Take The Pill” einer meiner Lieblingstitel.
Inhaltlich dreht es sich hier wie oft bei EA um die Psychiatrie und deren teils menschenverachtende Auswüchse. Absoluter Anspieltipp!
Aber EA wäre nicht EA, wenn es danach keine absolute Kursänderung gäbe, denn “Girls! Girls! Girls!” ist der totale Gegenentwurf zum vorigen Titel. Statt düsterer Elektronik gibt es fröhlichen Zirkussound, der zunächst einen lustigen Titel erwarten lässt. Dem ist selbstverständlich nicht so, denn textlich strotzt “Girls! Girls! Girls!” nur so vor Sarkasmus, der sich sehr gut im hervorragend inszenierten Stück versteckt. Ein Knallersong, live natürlich durch die Crumpets noch viiieeel besser. “We´re hot, we´re nuts, we´re suicidal“. Grandios.
Danach wird es wieder ruhig, märchenhaft beinahe. Sogar leicht kitschig, im positiven Sinne. “I Don´t Understand” ist verspielt und zeigt ein weiteres Mal, wie abwechslungsreich FLAG ausgefallen ist. Harfenklänge und ein Dialog zwischen verschiedenen Personen machen das Stück interessant, allerdings fällt es mit knapp über zwei Minuten auch recht kurz aus.
Jetzt wird es wieder rhythmisch, zu “We Want Them Young” könnte durchaus das Tanzbein geschwungen werden. Der nicht ganz drei Minuten lange Song baut sich langsam auf, ist musikalisch eher eintönig, bietet aber inhaltlich natürlich wieder anspruchsvolle Kost.
Anspruchsvoll geht es auch weiter mit “If I Burn”, das mich sofort an “God Help Me” erinnert hat, was zum einen mit der ähnlichen Instrumentierung, aber auch mit dem Gesang zu tun hat. Ohrwurm, totaler, wenn auch kaum tanzbar, sondern eher etwas zum konzentrierten Hören. Zeilen wie “There are two sides to every story, except for this one” lassen trotz des sehr persönlichen und dunklen Texts ein wenig Humor durchblicken. “If I Burn” blieb gleich nach dem ersten Hören in meinem Kopf hängen. Muss wohl ein guter Song sein.
So, und nun zum meiner Meinung nach besten Song des Albums. “Scavenger” ist eine bedrohliche, langsam vor sich hin wabernde Nummer, die sowohl musikalisch als auch textlich zum Ende hin immer mehr Aggressivität aufbaut. Gänsehaut garantiert. Der schleppende leicht Industrial-angehauchte Beat in Kombination mit dezent eingestreuten Synthischnipseln erschafft eine dichte Atmosphäre, die von EAs akzentuiert eingesetzter Stimme weiter betont wird. “There´s always one door, that you forget to lock. And I will be waiting…“. Die beinahe sieben Minuten Spielzeit werden äußerst effektiv gefüllt, ein von Anfang bis Ende hervorragendes Stück.
“Gaslight” hingegen geht stark in Richtung “Mad Girl”, die persönliche Geschichte wird musikalisch von Hapsicord und Streichern untermalt. Eine nachdenkliche Nummer voller Emotionen und Schwermut, sehr gut.
“The Key” besticht mit einem dramatischen musikalischen Aufbau, der sich sehr gut als Untermalung eines Horrorfilms machen würde. Streicher treffen auf dunkle Synthis, über allem thront EAs Sprechgesang, der sowohl inhaltlich als auch von der Intonation mitreißend vom Versuch eines Ausbruchs aus dem Asylum erzählt. Natürlich endet das Stück in einem dramatischen Höhepunkt und geht dann plötzlich in “Hell Is Empty” über. Puuh.
Dieses ist eher ein Stück Soundtrack als ein echter Song, ein paar Worte und die ebenfalls gut als Filmmusik vorstellbare Komposition machen aus “Hell Is Empty” einen stimmungsvollen, wenn auch sehr kurzen Titel.
“Gaslight Reprise” ist seinerseits ebenfalls ein instrumentales Stück, das wirkt, als würde es das Album bereits sanft ausklingen lassen. Das musikalische Thema aus “Gaslight” wird mit Streichern aufgenommen, der Titel kommt ohne Beats und Gesang daher.
Dann geht es endlich wieder mit einem richtigen Song weiter, “Goodnight, Sweet Ladies” könnte fast ein zweiter Teil von “I Don´t Understand” sein, auch hier wird es leicht märchenhaft. Am Ende werden verschiedene Motive aus älteren EA Songs aufgenommen, darunter auch “4 o´Clock” und “The Art Of Suicide”. Sehr schön, das weckt viel Emotion.
Kurz vor Schluss serviert Emilie ein Stück namens “Start Another Story”, das “What Will I Remember?” stark ähnelt. Dies ist vermutlich Absicht, da sich die beiden Stücke inhaltlich gut ergänzen. Sparsam instrumentiert, aber effektvoll.
“One Foot In Front Of The Other” als letzter Titel entlässt völlig unerwartet mit einer positiven Stimmung aus dem Album, wenngleich der Inhalt naturgemäß nicht sonderlich optimistisch ausfällt. Beginnt der Titel sehr ruhig, so gesellen sich im Verlauf weitere musikalische Stränge dazu, der rhythmisch sehr gut gelungene Gesang und der Erzählstil des Texts machen “One Foot In Front Of The Other” zu einem würdigen Schluss eines tollen Albums.
Objektiv betrachtet fällt bei “Fight Like A Girl” auf, dass Emilie Autumn einen Teil ihres persönlichen Stils zugunsten einer stärkeren Annäherung an den Pop über Bord geworfen hat. Gemessen an der “Opheliac” schafft FLAG es ganz knapp nicht, seinen unglaublichen Vorgänger vom Thron zu stoßen (ich klammere hier die “A Bit O´ This & That” bewusst aus).
Für dieses fantastische Werk voller dunkler Poesie, sarkastischem Humor und verschiedener Stile kann ich aber dennoch nur 10 Punkte vergeben, denn als Gesamtwerk besticht es mit komplexen Songs, viel Tiefgang und einer Stimmung, die ihresgleichen sucht.

(© Melissa King)
Trackliste
01 Fight Like A Girl
02 Time For Tea
03 4 o´Clock Reprise
04 What Will I Remember?
05 Take The Pill
06 Girls! Girls! Girls!
07 I Don´t Understand
08 We Want Them Young
09 If I Burn
10 Scavenger
11 Gaslight
12 The Key
13 Hell Is Empty
14 Gaslight Reprise
15 Goodnight, Sweet Ladies
17 Start Another Story
18 One Foot In Front Of The Other










Autor
"he kept making all the correct ritual gestures, but he always seemed to be faking. that´s why I liked him, I think. another guy pretending to be human, just like me." "Darkly Dreaming Dexter" by Jeff Lindsay