EISBRECHER, LORD OF THE LOST
von Fauna Flokati
- Datum : 23.02.2012
- Veranstaltungsort : Backstage Werk, München
- Ticketpreis : 24 Euro
- Künstler : Eisbrecher, Lord Of The Lost

Kam man am 23. Februar 2012 um ca. 19:30 Uhr am trist-industriell anmutenden Backstage-Gelände vorbei, sah man eine lange, schwarze-bunte Menschenschlange, die tapfer in der Kälte verharrte.
Man hatte es hier mit der EISBRECHER-Fanschlange zu tun, die auf den verspäteten Einlass ins ausverkaufte Backstage wartete. Doch entweder konnte diese kleine Unannehmlichkeit die Vorfreude nicht trüben, oder die Fans haben die neuerdings so optimistische Denkrichtung ihrer Lieblingsband übernommen, aber die Wartenden ließen sich ihre Stimmung nicht verderben: “Es könnte viel kälter sein, es könnte minus 18 Grad haben und schneien”, hörte man die gut gelaunten Leute sich über ihre Lage lustig machen.
Leider war der Einlass dann sogar noch nicht abgeschlossen, als die glamouröse Goth-Rock Band LORD OF THE LOST die Bühne betrat, sodass nicht alle Konzertbesucher die Möglichkeit bekamen, den Auftritt vollständig mitzuerleben.
Da das Backstage aber ohnehin schon fast überkochte, hatten Lord Of The Lost trotz allem schon zu Beginn ihrer Show eine stattliche Menge an Publikum, das sich jedoch anfangs noch recht distanziert gab, nach den ersten frechen Sprüchen des schrillen Sängers Chris Harms aber langsam auftaute. Der gebürtige Münchner, der inzwischen in Hamburg wohnt, verkündete strahlend seine Freude darüber, in der Heimat spielen zu dürfen: “Hier hab ich die ersten Mädchen angefasst. Muss in der ersten Klasse gewesen sein.”
Lord Of The Lost sollten eigentlich jedem Fan des Gothic Rock Freude bereiten: Nicht allzu schwere, aber dafür sehr groovige, teils kreischende Gitarren begleiten Chris‘ tiefe, erotische Stimme und helle, aber fetzige Keyboard-Klänge sorgen für die nötige Melancholie, lassen aber auf Grund des Tempos zu keiner Zeit übertriebene Traurigkeit aufkommen.
Doch auch was Optik und Auftreten betrifft, wissen Lord Of The Lost geschickt mit den Klischees des Genres zu spielen. Von wallenden Haaren, über nackte Oberkörper bis hin zu viel Schminke kriegt das Publikum hier mit einem Augenzwinkern alles das präsentiert, was für das Genre typisch, aber irgendwie halt auch obligatorisch ist und einfach Spaß macht, solange man das erwähnte Augenzwinkern eben auch wahrnimmt.
Das 45 Minuten dauernde Set von Lord Of The Lost war voller Pepp, Energie und Freude am Spiel, Chris‘ Selbstbewusstsein machte ihn spätestens dann sympathisch und überzeugend, als er die verhaltene Reaktion des Publikums auf seine Frage, ob es einen weiteren Song wünsche, gewitzt und locker beantwortete: “Dann geht doch noch ein Bier trinken. Die an der Theke freuen sich”, und nachdem sie schließlich mit ihrer Cover-Version von “Bad Romance” Lady Gaga Eier verpasst und am Ende sogar einen fast schon in Richtung NDH gehenden Song präsentiert hatten, der laut eigener Aussage ein von Eisbrecher und Lord Of The Lost gemeinsam geschriebener, zukünftiger Welthit sei, verabschiedeten sich die androgynen Burschen und machten Platz für den Captain und seine Crew von Eisbrecher.

Unter lautem Gejubel betraten die Musiker die Bühne und ließen es mit “Exzess Express”, “Willkommen Im Nichts” und “Angst” erstmal ordentlich krachen, bevor Alex dann sich selbst, aber auch die kritischen Stimmen zum neuen Album “Die Hölle muss warten” auf die Schippe nehmend den “Schlager Nummer Eins aus dem Schlageralbum”, nämlich “Abgrund”, ankündigte.
Im Verlauf des Konzertes, wo ja doch Songs aller Alben durcheinander gespielt wurden, ist schon aufgefallen, dass die neuen Songs im direkten Vergleich mit Hits wie “Schwarze Witwe”, “Heilig” oder “Leider” doch nicht nur etwas an Härte, sondern auch an tanzbarer Elektronik eingebüßt haben, was aber nicht heißt, dass das Publikum sie nicht trotzdem gehörig abfeierte.
Natürlich fehlten die typischen Eisbrecher-Konzertmomente nicht, die zwar jedes Mal gleich sind, aber eben auch jedes Mal wieder herrlich viel Spaß machen, wie die Drum-Performance bei “Amok” oder die Akustikeinlage mit Jürgen, die diesmal aus “Tränen lügen nicht”, einer eisbrecherspezifischen Bayern-Hymne und viel Blödeleien zwischen Alex und Jürgen bestand. Der Sänger ließ verlauten, die zwei Liebenden hätten übrigens beschlossen zu heiraten, sie hätten auch schon miteinander (…). Um diese tragische Nachricht dem Publikum erträglich zu machen, spielte die Band dann ihren Lieblingsschlager “Die Engel”, und selbst diesen potenziell eher in Richtung Kitsch tendierenden Song wusste Alex die Rampensau durch übertriebene Posen mit viel Spaß rüberzubringen.
Der letzte Teil des Konzertes war zugleich der intensivste, reihte sich hier doch von “Vergissmeinnicht”, das Alex mit Verweis auf das kompositorische Talent seines Co-Kapitäns Noel Pix ankündigte (“Es gibt Mozart, es gibt Bach, und es gibt Pix”) über “This Is Deutsch” bis hin zu “Kann Denn Liebe Sünde Sein?” ein Kracher an den anderen. Spätestens mit dem brachialen “Heilig”, als sich die sonst eher entweder kühl gehaltene blau-weiße oder düster-erotisch grüne Bühnenbeleuchtung (letztere setzte “Antikörper” und “Schwarze Witze” perfekt in Szene) in feuriges Rot verwandelte, hatte der Eisbrecher seine Aufgabe erfüllt und das allerletzte Stück Eis zwischen Band und Publikum gebrochen.
Dieses war übrigens von heterogener Beschaffenheit, während in den vorderen Reihen die junge Generation unter 20 die Band abfeierte, hielten sich in den hinteren Reihen auch vermehrt höhere Altersklassen auf. Was die Szenen angeht, standen hier headbangende Altmetaller neben Kajal- verschleißenden Mädchen und farbenfrohen Fans der härteren Musik, und auch sonst gab es unterschiedlich starke Ausprägungen verschiedenster Szenen.
Eines hatten sie gemeinsam: Sie waren da, um gemeinsam mit Eisbrecher zu feiern, und das taten sie auch volle zwei Stunden lang. Wie immer und wie auch zwingend notwendig für ein vollständiges Eisbrecher-Konzert, kündigte sich das Ende allmählich an, als “Miststück” erklang, was sich ja immer wieder als interaktives Highlight zwischen Alex und seinem Publikum erweist. Und auch diesmal wurde dieser Song zu einer “very extended version”, und auch diesmal grölten wieder tausende von Leuten “Du bist ein Miststück, ein Stück Mist” durch die Halle, jeder durfte für einige Minuten wieder stinksauer auf diverse Expartner sein, was sich sicherlich nirgendwo so gut anfühlt wie auf einem Eisbrecher-Konzert, und schließlich entließ die Band nach einem eher ruhigen Ausklang in Form von “Die Hölle Muss Warten” ein ausgepowertes, aber glückliches und zufriedenes Publikum vom Schiff zurück aufs Land.
Insgesamt war das ein Eisbrecher-Konzert wie es sein muss, die Band spielte einen angemessenen Mix aus neuen und alten Krachern, wobei das vorletzte Album “Eiszeit” aber deutlich an Präsenz verloren hat, die strapazierten Beine, Kehlen, Lach- und Nackenmuskeln der Besucher entspannten sich langsam wieder, als sie auseinander strömten, und die meisten werden das Konzert wohl um einen schönen Abend bereichert und glücklich verlassen haben. Auch wenn Alex und Jürgen jetzt heiraten und Jürgen sich schon wieder nicht ausgezogen hat…
Trackliste
Exzess Express
Willkommen im Nichts
Angst
Abgrund
Verrückt
Antikörper
Leider
Herz Aus Eis
Amok
Akustik-Einlage
Die Engel
Prototyp
Vergissmeinnicht
Schwarze Witwe
Heilig
This Is Deutsch
Kann Denn Liebe Sünde Sein?
Ohne Dich
Miststück
Die Hölle Muss Warten











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