
DIRK BERNEMANN (© Dirk Bernemann)
Im Rahmen der Leipziger Buchmesse präsentierte DIRK BERNEMANN sein aktuelles Buch “Trisomie So Ich Dir”. Nach seiner ersten Lesung nahm er sich spontan die Zeit für ein kleines Interview mit NecroWeb am Stand des Unsichtbar Verlages.
NecroWeb: Deine Lesung vorhin war wirklich gut. Erst einmal zu Deinem aktuellen Buch: “Trisomie So Ich Dir” – der Titel ist vielleicht relativ provokativ für Leute, die davon betroffen sind. Hattest Du deswegen eventuell schonmal Schwierigkeiten?
Dirk Bernemann: Ich habe selbst zehn Jahre in einem Job mit Menschen mit geistiger Behinderung gearbeitet, kenne mich damit einfach ein bisschen aus und kann auch fundierte Sachen dazu erzählen. Deswegen habe ich den Titel auch bewusst so gewählt. Einmal, weil eine Person vorkommt, die das Downsyndrom, also Trisomie 21, hat, andererseits aber auch, weil drei Leute in dem Buch vorkommen, die einfach so aufeinander zulaufen und Trisomie heißt ja übersetzt “drei Körper”. Deswegen ist es eigentlich auch ein Wort, das allgemein geläufig ist und so habe ich das Wort auch benutzt. Probleme gab es damit stellenweise schon mit Angehörigen von behinderten Menschen, aber die konnte ich meistens alle klären, weil ich wie gesagt aus dem Beruf komme und mich damit auch richtig auskenne.
NecroWeb: Das nimmt auch meine Frage vorweg, was Dich dazu veranlasst hat, den Titel und diesen Inhalt zu wählen.
Dirk Bernemann: Ja, schon weil ich wirklich viel mit Menschen mit geistiger Behinderung zu tun hatte, die mich auch immer irgendwie ein bisschen fasziniert haben.

NecroWeb: Der zweite Teil des Titels, “so ich dir”, ist ja eigentlich ein Konter…
Dirk Bernemann: Es ist ein geflügeltes Wort: “Wie ich dir, so du mir”, das kennt man ja. Und das ist einfach eine Persiflage dieses Wortspiels, weil mein Protagonist sich auch ein bisschen so verhält. Der wird auf eine gewisse Art und Weise behandelt und reagiert dann irgendwann in seiner eigenen Art darauf. Und er könnte eigentlich sagen “Wie ihr mich behandelt, so werd ich euch auch behandeln”, weil er am Ende des Buches relativ böse wird, obwohl er nicht so reflektiert ist. Er ist dann eher unbewusst böse, da er am Ende des Buches Dinge tut, die eigentlich nicht in sein Konzept passen. Aber er macht es einfach und sagt das schon zurecht. “Trisomie So Ich Dir” ist einfach so ein Titel, in dem dieser Spruch “wie ich dir, so du mir” vorkommt, den mein Protagonist quasi auch die ganze Zeit sagen könnte.
NecroWeb: Kannst Du Dein Buch in zwei Sätzen zusammenfassen?
Dirk Bernemann: In zwei Sätzen? Naja, ich darf ja viele Kommas machen, ne?
Es ist ein Buch über Behinderungen geworden – und nicht nur über offensichtlich geistige Behinderungen, sondern auch über soziale und emotionale Behinderungen. Ich habe einen Protagonisten, der offensichtlich geistig behindert ist, aber eigentlich vom ganzen Verhalten her der Normalste in dem ganzen Buch. Die anderen Personen die vorkommen, haben immer entweder soziale oder emotionale Behinderungen – und das sind zum Beispiel Sachen, die wirklich auch im Alltag vorkommen, wo viele Menschen sich mal selber reflektieren sollten: “Wie sieht eigentlich mein Leben so aus?” Dahin will ich auch gehen, also dass die Leute sich in diesen Figuren ein bisschen wiederfinden – sogar in dem Menschen mit geistiger Behinderung.
NecroWeb: Realität ist ja für Dich ein sehr wichtiges Thema, dass kam auch bei dem Gedicht und bei dem neuen Text, den Du in der Lesung vorgestellt hast, zum Ausdruck. Du meinstest mit der Beteiligung Gottes käme dann ja “Fantasy” ins Spiel, das war gut pointiert.
Woher nimmst Du denn Deine Ideen? Sind die aus dem Umfeld gegriffen, weil Dir Realität so wichtig ist?
Dirk Bernemann: Bei dem neuen Buch zum Beispiel kann ich dazu sagen: Die Figuren sind wirklich aus Leuten zusammengeschustert, die ich selbst kennengelernt habe. Ich beschreibe niemanden eins zu eins, aber es gibt Leute, die ich dann quasi zusammengefasst habe – verschiedene Aspekte von Leuten, die ich kenne, treffen in den Figuren zusammen. Und das ist eigentlich bei jedem Buch so, dass ich verschiedene Personen kennenlerne und mir daraus selbst meine Figuren konstruiere.
NecroWeb: Der neue Text in Deiner Lesung handelte von Lieblingsmenschen und Lieblingsmusik. Darin kam eine Du-Ansprache vor – wie viel Autobiographisches bringst Du denn in Deine Texte ein?
Dirk Bernemann: Mal sehr, sehr viel und mal auch gar nix. Das ist wirklich immer verschieden. Generell schreibe ich nicht autobiographisch, das auf keinen Fall. Aber ich glaube kein Autor kann sich dagegen wehren, dass er selbst immer mit drin ist. Er ist eigentlich immer emotional mit eingebunden und auch Meinungen, die der Autor hat, kommen in diesen Texten vor. Ich bin mir der Verantwortung schon bewusst, dass wenn ich eine Meinung äußere, die auch so ankommt, dass es meine Meinung ist. Aber darum mache ich das auch. Das ist auch ein Grund, warum ich überhaupt schreibe – um Dinge loszuwerden, ganz persönlich.
NecroWeb: Bist du beim Schreiben lieber allein oder ist dir ein lautes Umfeld, wie beispielsweise ein Café ganz recht?
Dirk Bernemann: Schreiben ist ein sehr intimer und autistischer Prozess. Ich bin dann wirklich alleine. Meistens auch nachts, wo mich wirklich niemand stört. Ruhe ist auf jeden Fall sehr wichtig. Ab und zu Instrumentalmusik, aber ich kann zum Beispiel keine Musik mit Texten hören, weil ich generell ein Musikhörer bin, der viel auf Texte achtet. Und wenn ich jetzt Musik höre, die sehr textlastig ist, kann ich nicht schreiben, weil mich das dann irgendwie rausbringt – weil ich dann ganz andere Bilder im Kopf habe, die ich eigentlich gerade gar nicht benutzen möchte.
NecroWeb: Was wünschst Du Dir, das die Leser aus allen Deinen Büchern mitnehmen sollen?
Dirk Bernemann: Das kann ich nicht generell sagen. Ich denke immer wenn kleine Dinge die Leute berühren, kleine Gefühle, die ich da beschreibe oder auch Einstellungen, die ich vermitteln möchte – wenn da irgendetwas ist, auf das die Leute stehen, können sie es gerne mitnehmen. Wenn ich etwas rausbringe, ist das für die Leute sowieso immer umsonst. Dann können die das haben und können damit machen, was sie wollen. Da entziehe ich mich auch der Verantwortung: Wenn ich ein Buch rausbringe und jemand nimmt da irgendetwas raus, ist es immer die Verantwortung des Menschen, der es da rausnimmt und nicht mehr meine.
NecroWeb: Wir waren vorhin schon beim Thema Musik: Welchen Stellenwert nimmt Musik für Dich im Vorfeld hinsichtlich des Schreibens ein? Hast Du Dich davon auch schon einmal zu Texten inspirieren lassen?
Dirk Bernemann: Ja natürlich. Ich hab ja auch Texte, die direkt mit Liedern in Verbindung stehen.
NecroWeb: Kannst Du uns dafür Beispiele nennen?
Dirk Bernemann: Zum Beispiel gibt es in “Ich Hab Die Unschuld Kotzen Sehen 2″ die Geschichte “Schlachtfest”, die direkt von einem Lied von Phillip Boa And The Voodoo Club inspiriert ist, wo er in einem Lied auch den Stierkampf aus der Sicht von einem Tier beschreibt – und diesen Standpunkt habe ich in der Geschichte auch genommen. Der Stier wird dann quasi auf die Wiese getrieben und denkt, dass die Menschen gerade ein Fest für ihn feiern. Das ist sehr heroisch das ganze Ding.
NecroWeb: Um nochmal auf Deinen neuen Text und das Gedicht zurückzukommen: Sind noch mehr Gedichte von Dir zu erwarten? Denn es war schon sehr amüsant.
Dirk Bernemann: Gedichte mache ich meistens immer nur live wenn ich auf der Bühne bin. Denn Gedichtbände selbst zu machen, ist auf jeden Fall ein very, very special interest. Das kauft kaum jemand. Auch wenn ich selbst die Gedichte sehr gerne mag oder einzelne Leser die gerne mögen. Da gibt es einfach so keinen Markt für, leider. Und wenn ich Gedichte schreibe, kommen die meistens in meinen Liveshows vor oder ich stelle ab und zu mal welche auf meinen Blog. Aber generell werde ich keinen Gedichtband machen.

NecroWeb: Und hast Du ansonsten gerade neue Projekte in Arbeit?
Dirk Bernemann: Ja, ich schreibe gerade an einem Buch, genau. Das kommt wenn alles gut läuft eventuell im Herbst raus, im Oktober irgendwann.
NecroWeb: Dann dürfen unsere Leser ja gespannt sein. Im letzten Interview mit NecroWeb kam das Thema E-Book zur Sprache. Wie ist mittlerweile Deine Meinung dazu, hast du sie geändert oder siehst du das immer noch kritisch?
Dirk Bernemann: Nein, ich seh es auf jeden Fall immer noch kritisch, aber man kann sich dagegen nicht wehren. Es ist einfach so, das sehe ich mittlerweile ein, dass es überall zu haben ist und die Verfügbarkeit der Sachen dadurch auch größer geworden ist. Aber der Weg oder wie es präsentiert wird, das gefällt mir noch nicht. Ich habe lieber ein Buch mit Seiten in der Hand. Die ganze Haptik, der ganze Geruch, der ganze Prozess des Lesens ist hiermit ein ganz, ganz anderer als mit einem E-Book. Oder mit einem iPhone oder mit einem iPad oder den ganzen anderen Sachen.
NecroWeb: Das stimmt. Ein neues Thema, das gerade aufkommt, ist das “Social Reading”, bei dem sich die Leser quasi in Echtzeit darüber austauschen können, welche Stellen ihnen gefallen und eigentlich wie in Foren ihre Ideen, Kommentare und Empfehlungen teilen können. Wie würde Dir die Idee denn gefallen?
Dirk Bernemann: Das finde ich gut, weil man da ja sofort auch als Autor irgendwie mittendrin ist. Man hat unmittelbar die Reaktionen zu den Dingen, die man da getan hat und ich glaube es ist eine gute Sache, dass die Leute sofort darauf reagieren können und auch sofort direkt mitmachen können. Und “sofort”, das ist ein sehr interagierender Prozess, das mag ich generell. Deswegen gehe ich auch gern auf Bühnen und lese Sachen vor, um dann direkt die Reaktionen zu bekommen. Und das ist zwar über das Medium Internet, aber es ist trotzdem total nahe dran und das mag ich einfach.
NecroWeb: Also würdest Du Dich dann eventuell selbst daran beteiligen bzw. über Bücher, die Du liest, auch Social Reading praktizieren?
Dirk Bernemann: Hm, das mache ich ja sehr selten. Lesen ist für mich etwas sehr Intimes und ich weiß nicht, ob ich so einen intimen Moment dann wirklich so teilen möchte. Aber wenn das jemand machen möchte…und ich stelle als Autor meine Bücher gerne zur Verfügung, wenn Leute mit mir darüber diskutieren möchten. Aber ich selbst lese lieber im Stillen und behalte die guten Augenblicke auch lieber für mich, als dass ich die sofort in die Welt schleudern möchte. Denn dieses Phänomen missfällt mir eigentlich auch ein bisschen. Das ist dieses typische Facebook-Phänomen vonwegen “Jo, ich hab grad das und das gemacht, das muss ich sofort allen erzählen…”. Das hat Vor- und Nachteile finde ich, aber für mich überwiegend Nachteile. Denn für mich ist dann irgendwie die Kommunikationsklamotte ein bisschen überschritten.
NecroWeb: Daran könnte das Unternehmen Social Reading ja im Endeffekt aber auch scheitern, wenn es denn richtig aufkommen sollte und vielleicht von den größeren Verlagen angekurbelt wird. Hättest Du zum Schluss noch eine Mitteilung an unsere Leser?
Dirk Bernemann: Ja, ich habe mich sehr über dieses Interview gefreut und ich finde es gut, dass es überhaupt Leser gibt. Denn ich wundere mich jedes Mal, dass wirklich auch Leute zu meinen Lesungen kommen und finde es immer wieder schön, dass es irgendwie Anklang findet. Und viel Spaß mit meinen Büchern!
NecroWeb: Ja, werden wir haben. Vielen Dank für das Interview!










Autor
"Fotografieren ist wie schreiben mit Licht, wie musizieren mit Farbtönen, wie malen mit Zeit und sehen mit Liebe." (Almut Adler) ...und immer passend für den Graben: "Fotografieren ist wie Bogenschießen. Richtig zielen, schnell schießen, abhauen." (Henri Cartier-Bresson)