COMBICHRIST in München

von Fauna Flokati

  • Datum : 06.07.2012
  • Veranstaltungsort : München, Backstage Halle
  • Ticketpreis : 19,00 Euro
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COMBICHRIST in München (© )

So beliebt und angenehm der Hochsommer auch sein mag, als passionierter Konzertgänger sind einem auch einige Schwierigkeiten bekannt: Die Temperaturen bei Hallenkonzerten etwa, die zu dieser Jahreszeit in fast unerträgliche Höhen ansteigen können. Was man ja prinzipiell in solchen Momenten garnicht brauchen kann, ist eine Band, die mit ihrem Sound die Schweißproduktion zusätzlich ankurbelt. Combichrist ist jedoch so eine Band. Mit ihrer herben aggressiven Musik, die man irgendwo zwischen Techno, Industrial und – vor allem auf Grund des live gespielten Schlagzeuges – Metal anordnen kann, verwandeln die Musiker um das norwegische Mastermind Andy LaPlegua eine Halle zu einem kochenden, stimmungsvollen Topf voller zu den schweißtreibenden Beats tanzender und moshender Musikfans. Ja, sowas kann man also im Hochsommer im Hinblick auf die Temperatur echt nicht brauchen. Die Besucher, die an diesem 06. Juli die Bachstage-Halle aufgesucht hatten, schienen ihren Fokus jedoch nicht auf Temperatur bedingte Argumente zu legen und dachten sich vermutlich: Scheiß auf die Hitze. Ein Abend lang Teil dieses kochenden Combichrist-Topfes zu sein ist einfach so geil, dass es den Verlust mehrerer Liter Schweiß wert ist.


Als Support-Act waren die britischen V2A mit von der Partie, ein schrilles, flottes Industrial-Duo, dessen Auftritt die Verfasserin bedauerlicherweise auf Grund von Problemen mit dem Münchner Verkehrsverbund komplett verpasst hat. Der Publikumslaune nach zu urteilen ist der Band ein guter Start in den Abend gelungen, und auch der Headliner, der kurz nach 21 Uhr mit einer (vermutlich der norwegischen) Nationalhymne begleitet die Bühne betrat, schien von den Einstimmungskünsten der Support-Band zu profitieren, war doch das Publikum sofort Feuer und Flamme und begrüßte die Band euphorisch. Der charismatische Sänger stürmte von Anfang an wie ein Wirbelwind über die Bühne und übertrug diese Dynamik innerhalb kürzester Zeit auf seine Zuschauer: Schon die ersten Töne brachten das Publikum in Bewegung, und bereits beim zweiten Song “I Like To Thank My Buddies” bildeten sich dann erste verhaltene Moshpits, doch als dann bei Song Nummer vier, “Blut Royale”, der Live-Schlagzeuger sich dem Konzert anschloss und dem Sound mit seinem Instrument erst so richtig Eier verpasste, gab es kein Halten mehr: Quer durch die Halle moshten sich  nun die Leute die Seele aus dem Leib, wer es nicht ganz so hart und interaktiv mochte, schüttelte seinen Körper weniger zentral durch, wobei man schon weit an die Hallenränder ausweichen musste, um nicht vom Moshpit erfasst zu werden, und sogar die ganz selbstbeherrschten Stillsteher konnten nicht so richtig widerstehen: Menschen, die nicht zumindest leicht mitwippten, waren im Publikum nicht einmal in den hinteren Reihen zu sehen.


Dieser Bewegungsdrang war zwar auf Grund der extrem hohen Raumtemperaturen einerseits erstaunlich, andererseits jedoch völlig nachvollziehbar, weil es einfach verdammt schwer ist, bei dieser Musik stehen zu bleiben: Während schon die harte Elektronik zu exzessivem Tanz einlädt, ist das Live-Schlagzeug eine wirklich exzellente Live-Kompontente, die die Songs nochmal stark von den Studiofassungen abhebt und ihnen noch eine ordentliche Portion zusätzlicher Kraft verleiht. Ungefähr zur Halbzeit des Konzertes gesellte sich außerdem noch ein Gitarrist mit auf die Bühne. Prinzipiell ist es ein spannendes Unterfangen, den Sound einer so Elektro-lastigen Band mit typischen Metal-Instrumenten zu verfeinern. Was das Schlagzeug jedoch in nahezu perfekter Weise umsetzen konnte, verstärkte die Gitarre nicht wirklich, denn die ging zu Gunsten der harten Elektronik- und Schlagzeugklänge in den meisten Songs eher unter und war sogar häufig nicht einmal klar identifizierbar. Als sehenswertes Bühnenspecial konnte der Gitarrist jedoch durchaus punkten, sah er doch exakt so aus, als sei er soeben aus einem Splattermovie ausgebrochen und hätte im Backstagebereich seine blutige Kettensäge gegen eine Gitarre ausgetauscht und bereicherte die Bühnenshow um eine exzentrische Performance. Auch passte er ideal in das gefährlich und düster grün gehaltene, mit dichtem Nebel umschlossene Bühnenbild.


Andy LaPlegua spielte eine Doppelrolle, bestehend aus Entertainer einerseits und Idol einer Randgruppe andererseits- eine authentische Mischung aus unterhaltenden Faxen und aggressivem Auftreten, mit dem er ganz seine Songs lebte, machten seine sympathische Bühnenshow aus – hier liebt einer, was er tut und nimmt sich gleichzeitig selber nicht zu ernst. So ließ er in Songs wie “Electro Head”, “Get Your Body Beat” und “Fuck That Shit” zwar seiner Wut freien Lauf, amüsierte sich jedoch auch durch lustige Grimassen und Model-Bewegungen, die so garnicht zum Sound passen wollten über sich selbst und im Rahmen des Songs “Are You Connected?” auch über die übertriebene Social Network-Nutzung mancher Leute.

“They” leitete dann allmählich das Ende des Konzertes ein, und eine erschöpfte, durchgeschwitzte Menschenmenge forderte die Band durch Klatschen und Pfeifen zurück auf die Bühne (dass Münchner anscheinend jedoch, so gut die Stimmung während des Konzertes auch gewesen sein mag, einfach nicht “Zugabe” rufen können, ist ein wirklich faszinierendes Phänomen), und so begaben sich Andy und seine Mannen noch einmal nach vorne: Zu den abschließenden Klängen von “Never Surrender” verausgabten sich Band und Publikum noch einmal intensiv, das große Finale war dann jedoch erst die bekannte Aggressionshymne “What The Fuck Is Wrong With You?”, zu der alle Beteiligten noch einmal ihre letzten Energiereserven aufbrauchten. Erst, wenn dieser Song gespielt ist, kann ein Combichrist-Konzert zu einem Abschluss kommen. Und vermutlich in dem Moment, in dem der letzte Ton des Songs verklungen war, wich auch jede Aggression und jede Energie aus den Gemütern und Körpern der Anwesenden, denn blickte man in die nun zur Ruhe gekommene Moshpit-Runde, sah man verschwitzte, verausgabte Männer, die selig lächelnd und mit der Welt versöhnt gen Bühne blickten und man wusste: Diesen Blick kennen sonst nur ihre Freudinnen, wenn sie sich mit ihnen im Schlafzimmer aufhalten. Ein Combichrist-Konzert ist also fast wie Fremdgehen, nur ohne Grund zur Sorge oder Eifersucht; zumal die Freundinnen in den meisten Fällen vermutlich in der Nähe standen und ebenso selig lächelten, vielleicht auch ein kleines Bisschen den attraktiven Frontmann und seinen durchtrainierten, tätowierten Körper anschmachteten. Wobei das wiederum ihre Partner vermutlich auch taten. Fremdgehen also, nur völlig legal, ohne dass es jemandem weh tut und im Idealfall beidseitig und gleichzeitig – bricht also einmal ein solches Verlangen durch, könnte ein Combichrist-Konzert helfen. Und hat man sich einmal gestritten, kann man so lange wütend moshen und springen, dass am Ende des Abends jegliche Aggression abgebaut sein sollte und man seine Probleme nüchtern anpacken kann. Aber hey – auch wenn man grade keine Beziehungs- oder sonstigen Probleme hat und einfach mal wieder 90 Minuten durchtanzen will, ist ein Konzert von Combichrist genau das Richtige.

(© Combichrist)