ANNA AARON
von Fauna Flokati
- Datum : 18.10.2012
- Veranstaltungsort : München, 59:1
- Ticketpreis : 16 Euro

Musik spielt im Leben der meisten Menschen eine gewisse Rolle. Der Großteil der Menschen lässt sich von Musik vorrangig unterhalten: Wenn es allein im Auto langweilig ist, dudelt das Autoradio, wenn man ausgeht, gehört Musik dazu und gemeinsames Singen erfüllt schon im Kindergarten eine wichtige soziale Funktion. Obwohl sich also die meisten Menschen ein Leben ohne Musik nicht vorstellen könnten, befindet sich die Rolle, die sie spielt, eher im Hintergrund.
Manche Menschen jedoch hören Musik anders: Für sie ist das Hören von Musik ein Akt des Eintauchens in eine von einem Künstler geschaffene, klangliche Anderswelt. Sie rezipieren Musik bewusst und leidenschaftlich.
Und letztendlich gibt es noch diejenigen, die genau solche klanglichen Anderswelten als einen Teil ihrer Selbst erschaffen. Zu diesen Menschen gehört die Schweizer Musikerin Anna Aaron, die in der Schweiz inzwischen doch recht bekannt ist. Zur zweiten Gruppe gehört ihre Hörerschaft, für die Musik mehr als Unterhaltung ist. Obwohl Anna Aaron mit ihrem letzten Studioalbum “Dogs In Spirit” sogar beachtliche Charterfolge hatte, ist sie in Deutschland eher ein Geheimtipp und zieht lediglich ein kleines Nischenpublikum vor die Bühne.
Doch immerhin 30 bis 40 Leute hatten sich an diesem Donnerstag Abend bis zum Konzertbeginn um 21:30 Uhr im Münchner Nachtclub 59:1 eingefunden, um die musikalische Darbietung der jungen Künstlerin zu erleben.
Musikalische Darbietung, das Wort mag in einem Konzertbericht hochgestochen und überzogen klingen, doch genau das war es, was an diesem Abend im 59:1 stattfand.
Kurz nach 21:30 Uhr wurde also das ohnehin schon recht schwache rote Licht gedämpft, unscheinbar und leise betrat eine zierliche junge Frau die Bühne, setzte sich ans Klavier und spielte einige erste Töne. Anna Aaron und ihre Band waren die einzigen auftretenden Künstler dieses Abends, und im Verlauf des Konzertes sollte das Publikum auch merken, dass eine Supportband an diesem Abend fehl am Platz gewesen wäre, da hier ganz eigensinnige Stimmungen erschaffen wurden und es unwahrscheinlich ist, dass es Musiker gibt, die die Atmosphäre eines Anna Aaron Konzertes passend ergänzen könnten.
Schon als Anna zu singen begann, wurde deutlich, dass man es hier mit einer sehr talentierten Künstlerin zu tun hatte: Ob man ihren Gesang nun bereits von CD kannte oder nicht, die Kraft, die in ihrer ausdruckstarken Stimme lag, war zunächst einmal einfach beeindruckend und der Gesang klang noch energischer, eindrucksvoller und imposanter als aufgenommen.
Alleine bot Anna einen langsamen, doch dynamischen, etwas jazzartigen Song dar, bevor ab dem zweiten Stück ihre Band in typischer Rockbesetzung bestehend aus Bassist, Schlagzeuger und Gitarristin, sich zu ihr auf die Bühne gesellte. Von den drei Musikern unterstützt zeigte Anna dann, dass neben einer großen Sängerin eine unglaublich begabte Songwriterin in ihr steckt: Mit dem flotten Stück “Queen Of Sound” begann für das Publikum ein musikalisches Ereignis, das seines Gleichen sucht. Als leidenschaftliche Konzertgängerin, die sich schon durch alle möglichen Genres gehört hat, war ich selten so ergriffen, zumal mich noch kein enger persönlicher Draht mit der Musik von Anna Aaron verbindet. Songs wie eben “Queen Of Sound” oder “Sea Monsters” haben einerseits eingängige, verspielte und zuckersüße Pianomelodien, die sich sofort im Kopf festsetzen und den Zuhörer lange nach Verklingen des Songs weiter begleiten. Gleichzeitig sind diese Melodien jedoch von einer schwer beschreibbaren, subtilen Melancholie durchzogen. Hört man, wie Anna die Songs spielt, möchte man fast leichtfüßig tanzend der Welt entschweben, aber gleichzeitig überkommt einen ein solches Gefühl der Rührung, dass mir ernsthaft während “Queen Of Sound” kurzzeitig Tränen in den Augen standen.
Untermalt wurde dieses klangliche Spiel mit menschlichen Gefühlen vom Auftreten der Künstlerin und ihrer Band: Völlig bodenständig und so, als bräuchten sie nichts mehr im Leben als ihre Instrumente wirken die Musiker in ihrer schlichten Kleidung. Aus ihrer Band, die in einfache Streetwear gekleidet war, stach Anna, die mit einem unspektakulären schwarzen Kleid auch eine eher sehr einfache Variante gewählt hatte, durch einige kleine indianische Stilauffälligkeiten heraus. So trug die Sängerin Haarklemmen aus Federn und hatte zwei schwarze Streifen auf den Wangen.
Gerade diese beiden Streifen mochten anfangs bedeutungslos erscheinen, entfalteten jedoch eine ganz spezielle Wirkung, als Anna das Klavier verließ und sich der Charakter des Konzertes veränderte. Stehend bediente sie nun stattdessen einen Synthesizer, der bedrohliche, dramatische und düstere Klänge erzeugte. Darüber legte Anna einen ähnlich gearteten Sprechgesang, während ihre Gitarristin für langgezogene, gesummte, fast gruselige Hintergrundvocals sorgte und der Schlagzeuger einen monotonen, doch treibenden Rhythmus beisteuerte. Dazu führte Anna, die mit einem Schellenkranz für zusätzliche Klangvielfalt sorgte, einen ritualartigen Ausdruckstanz auf. Mimik und Gestik verschmolzen mit den ebenso ritualartigen Klängen von Songs wie “Elijah’s Chants” und als Zuschauer hatte man das Gefühl, einer schwarzen Magierin beim Zaubern zuzusehen. Und gerade diesem Bild verpassten die schwarzen Streifen auf Annas Wangen den letzten Schliff.
Ungefähr 75 Minuten lang wechselten Anna und ihre Band zwischen diesen Ritual-Sequenzen, melancholischen Popstücken wie oben beschrieben und langsamen, doch dennoch wahnsinnig dynamischen Balladen, die gerade so jazzig waren, dass jemand wie ich, die mit Jazz nicht viel anfangen kann, sie dennoch wunderschön finden konnte und vor allem von Annas Gesang und Klavierspiel lebten. Zum Ende des Konzerts hin packte die Band dann auch noch aus, was sie an Rock’n’Roll im Gepäck hatte und bretterte für ein Stück ordentlich im Alternative Rock Stil los.
Diese unterschiedlichen Songcharakter sorgten immer wieder für eine Stimmungsänderung auf der Bühne, doch jede dieser unterschiedlichen Stimmungen schien einen Platz im Gesamtkonzept zu haben. Dass die Sängerin das ganze Konzert über kaum ein Wort an das Publikum richtete, passte vollkommen in die Atmosphäre des Konzertes und ihr Schweigen wirkte schüchtern und bescheiden auf der einen, jedoch auch distanziert und mystisch auf der anderen Seite. So fügte sich auch dieser Aspekt in die Ambivalenz aus sympathischer Bodenständigkeit und faszinierender Übernatürlichkeit ein und trug zur Stimmigkeit des Gesamteindrucks bei.
Distanziert war auch das Publikum. Die Gäste hielten sich, dafür sind die Münchner ja bei unbekannteren Künstlern bekannt, komplett im hinteren Bereich des Clubs auf und rühmten die Band mit eher verhaltenem Applaus, der dann zu den letzten Stücken jedoch lebhafter wurde, und auch eine Zugabe forderte das Publikum durch rhythmisches Klatschen. Auf Grund der ambivalenten, schwer in Worte zu fassenden Gesamtstimmung des Konzertes hat jedoch diese Publikumsreaktion zur Darbietung gepasst. Genau wie von Seiten der Künstlerin schien die Distanz auch von Seiten des Publikums nicht abweisend zu sein, sondern hatte immer noch einen irgendwie freundlichen Charakter. Es schien, als wollte lediglich niemand in die künstlerische Welt der exotischen Musikerin eindringen und sie bei der Verschmelzung mit den von ihr erzeugten Tönen stören.







Autor