• Kategorie: Erotik
  • 03. Mai 2013

A. N. ROQUELAURE – Dornröschens Erwachen (Teil 1) Buch

von blackrose

  • Verlag : Marterpfahl Verlag
  • Bewertung : 9.5 von 10 Punkte
  • Format : Buch
  • Veröffentlichung : 00.00.2011
  • Inhalt : mit einem Nachwort von Arne Hoffmann
    Paperback, DIN-A 5
  • Autor : A. N. Roquelaure
  • Seitenzahl : 234
  • ISBN oder ISSN : 978-3-936708-79-0
A. N. ROQUELAURE - Dornröschens Erwachen (Teil 1)

A. N. ROQUELAURE – Dornröschens Erwachen (Teil 1) (© Marterpfahl Velag / Ironside)

Verfolgte man in den 80er und frühen 90er Jahren noch eine eigene literarische Vision und verband dazu Märchen mit erotischen, SM-bezogenen Inhalten, so landete man scheinbar schnellstens auf dem Index. So erging es zumindest Anne Rice.

Die Fans des klassischen Vampirmotivs nur zu geläufige und vor allem von ihnen durch Romane wie “Interview Mit Einem Vampir” hochgelobte Autorin Rice veröffentlichte nämlich – und das wissen die Wenigsten – unter anderem unter dem Pseudonym A. N. Roquelaure die sogenannte “Dornröschen”-Trilogie, dessen Originalausgabe bereits 1985 im E.P. Dutton Verlag erschien und vom Goldmann Verlag ab 1991 auch in Deutschland rein theoretisch für interessierte Leser zur Verfügung stand.
Nur ein Jahr später griff die ‘Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften’ (heute ‘Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien’) jedoch ein und nahm Band 1 und 2 auf den Index auf.
Aus heutiger Sicht und in Anbetracht der momentanen Schwemme an (teilweise leider sehr plumper) BDSM-Literatur stellt dieses Vorgehen sicherlich eine Farce dar, mit der man ihren drei “Dornröschen”-Werken verwehrte, zu wahren und niveauvollen Klassikern in diesem Genre aufzusteigen, an denen sich auch heute noch alle folgenden Veröffentlichungen messen lassen müssten.

Das verquere damalige Bild rückte inzwischen der Marterpfahl Verlag ein wenig gerade, indem dieser eine Neuauflage der kompletten Trilogie publizierte, die sich ohne Weiteres gegen Klassiker wie “Die Geschichte Der O” und de Sades Publikationen nicht nur behaupten kann, sondern sich zudem abzuheben versteht. Seit 2011 ist diese damit wieder in deutscher Übersetzung frei erhältlich und alle Freunde gelungener erotischer Literatur mit BDSM-Touch, die die Werke von Anne Rice bzw. A. N. Roquelaure noch nicht kennen, sollten das schleunigst nachholen; dafür sprechen viele Gründe.

Anders als beispielsweise de Sade konzentriert sich Roquelaure nicht nur auf bestimmte Vorlieben ihrer Figuren, sondern umschreibt in ihren “Dornröschen”-Büchern eine Vielzahl an Möglichkeiten, sadomasochistische Gelüste und Verlangen aus- und zu erleben.

Den vorliegenden ersten Band, betitelt mit “Dornröschens Erwachen”, dem sich diese Rezension vorrangig widmet, die allerdings immer auch in Bezug auf die weiteren zwei Bände steht, denn die “Dornröschen”-Bände sollten in ihrer Gesamtheit als literarisches und gleichzeitig unterhaltsames Kunstwerk betrachtet werden, schrieb Roquelaure in nur drei Wochen.
Eine derartige Schnelligkeit lässt eventuell grobe Schnitzer im Ausdruck oder kleine Makel in der Handlung vermuten, davon fehlt jedoch jede Spur. Abgesehen von wenigen, den Inhalt und Lesefluss nicht tangierenden Tipp- bzw. Satzzeichenfehlern findet der Leser nur einen winzigen Kritikpunkt, den die anderen Bände jedoch schnell wieder wettmachen. Dabei handelt es sich um das Ende des ersten Bandes.
Dieses bleibt in Bezug auf die Darstellung des Innenlebens und die Beweggründe der Protagonistin im Gegensatz zum sonstigen Inhalt zu vage und geringfügig zu oberflächlich. Andererseits bildet diese Art des Abschlusses – in Filmkreisen spricht man diesbezüglich wohl von einem gelungenen Cliffhanger – einen gekonnten Übergang zum Nachfolgewerk und hält die Neugier wach.

Doch worum geht es überhaupt in “Dornröschens Erwachen”?
Fast könnte man sagen: Wo die Gebrüder Grimm aufhörten, fängt Roquelaure (erst richtig) an, denn das beliebte Kindermärchen der Grimms entwickelt sich unter Roquelaures Feder schnell zu einem Märchen für Erwachsene.

Eine kurze Zusammenfassung des Klappentextes umreißt dabei den Inhalt:

“Armes glückliches Dornröschen: Kaum aus dem hundertjährigen Schlaf erweckt, wird sie auch schon als nackte Sklavin durch ihres Vaters Reich in das Schloß des Prinzen geführt – und wehe, wenn sie unfolgsam ist! [...]
So erreicht sie nackt und zuletzt auf allen vieren kriechend das Schloß des Prinzen und kommt in die ‘Große Halle’. [...]
Mit Gnadenlosigkeit und Kälte wird Dornröschen fortan zur willigen Sklavin abgerichtet – und zur Strafe und Bewährung ‘aufs Dorf’ geschickt, als sie beginnt zu rebellieren …” 

Schon zur Zeit der Erstveröffentlichung, einer Zeit in der Rice mit ihrer Veröffentlichung gegen den Zeitgeist anschrieb, drückt die Autorin hervorragend aus, was BDSM bedeutet, nämlich nicht stumpfe Hingabe ohne Herz und Verstand oder skrupellose Gewalt.
Das Reiz-Reaktionsmuster, das Rice (alias Roquelaure) immer wieder auf sehr vielfältige Art und Weise darstellt, was Langeweile oder Monotonie beim Lesen ausschließt, umfasst nicht nur zwischen den Zeilen, sondern auch ganz direkt (vgl. z.B. die Kapitel über Prinz Alexis Geschichte) die (Mehr)bedeutung und die darüber hinaus existierende Sinnhaftigkeit von BDSM.
Zwar können gerade genannte Kapitel heute fast schon als langatmig und wenig spektakulär empfunden werden, ist man inzwischen doch ganz andere Literatur gewohnt, dennoch überzeugt die Autorin auch hier und gibt zu verstehen, was BDSM individuell alles bedeuten kann.

Märchen wurden schon immer psychosexuell gedeutet; Roquelaure bietet ihren Lesern diese Deutungen ganz plastisch und in erzählender statt sachlicher Form.
Dabei harmonieren Grundidee, Ausführung und Sprachstil hervorragend miteinander, sodass “Dornröschens Erwachen” auf der gesamten Länge von 234 Seiten ein wahrer Genuss ist, dessen Inhalt zwar damals als indizierungsnötig empfunden wurde, dieser Umstand heute aber nur noch belächelt werden kann.

Zu diesem Schluss kommt auch Arne Hoffmann, u.a. Autor des “SM Lexikon”s, der dem Band 1 der “Dornröschen”-Trilogie ein umfassendes und informatives Nachwort beisteuert, welches sich nicht nur kritisch mit dem Vorgehen der Bundesprüfstelle auseinandersetzt, sondern ebenfalls Anne Rice selbst zitierenderweise zu Wort kommen lässt.

Bleibt nur zu sagen: Der Marterpfahl Verlag tat ein Gutes, die Trilogie wieder zu veröffentlichen, gehört sie doch in jede anständige SM-Erotik-Literatursammlung!

(© Anne Rice)

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